Verein Intact Schweiz / Anzeiger Thal Gäu Olten
Elsbeth Scacchi zu Besuch in einem Dorf in den Kalrayan Hills. Fotos: Aus Dank für ihre Hilfe hat eine Bewohnerin ihr Bananen geschenkt.

Wo Bildung keine Selbstverständlichkeit ist

Der Verein Intact Schweiz mit Sitz in Oensingen gibt Mädchen in Südindien eine Perspektive

Seit mehr als 20 Jahren reist die Balsthalerin Elsbeth Scacchi nach Südindien, um die Bevölkerung in den Kalrayan Hills zu unterstützen. Die von ihr gegründete Organisation Intact Schweiz betreibt dort eine Schule, in der im Moment circa 300 Kinder Zugang zu Bildung erhalten. Diese Möglichkeit verändert vor allem für die Mädchen der Region viel.

Als Elsbeth Scacchi vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal den beschwerlichen Weg auf die Kalrayan Hills im südindischen Staat Tamil Nadu machte, hatte sie keine Ahnung, dass diese Reise ihr Leben verändern würde. Die Balsthalerin, die damals noch als Informatiklehrerin arbeitete, war auf dem Weg zu einem Anwalt, den sie einige Jahre zuvor zufällig in einem der Vorläufer heutiger Chaträume im Internet kennenlernte. Er hatte in Tamil Nadu die erste Schule für Kinder mit Beeinträchtigungen gegründet. Scacchi unterstützte ihn bereits aus der Schweiz heraus, wollte sich jedoch auch vor Ort einmal ein Bild machen.

Es war vor allem ein Umstand, der Elsbeth Scacchi bei ihrem Besuch in den Bergdörfern nachhaltig erschütterte: Der stark wahrnehmbare Unterschied zwischen den Jungen und den Mädchen. «Diese Mädchen hatten nichts Fröhliches an sich», erinnert sich die heute 66-Jährige. Während die Jungen herumtobten, hätten sich die Mädchen sehr ruhig verhalten. «Fast unerträglich» sei dies gewesen. Vor allem weil sie wusste, was dahintersteckt.

Vom Mangel, ein Mädchen zu sein
In den Bergen der Kalrayan Hills gebe es einen Spruch, erzählt Scacchi. «Ein Mädchen, das lacht, ist wie ein Kaffee, der verraucht ist.» Um dies zu verstehen, muss man sich die strengen gesellschaftlichen Normen ansehen, die das Leben der Bevölkerung, vor allem in den ärmeren Regionen, prägen. Einfluss auf das Bild von Frauen und Mädchen hat vor allem die immer noch gängige Praxis, dass bei einer Heirat die Eltern der Frau zur Zahlung einer Mitgift verpflichtet sind. Dies bedeutet für die Familien einen starken finanziellen Druck. «Wer drei Töchter hat, ist quasi bankrott», sagt Scacchi. Kommt dazu, dass die Frau bei der Hochzeit zur Familie des Mannes zieht. Wer keinen Sohn hat, läuft Gefahr, im Alter allein zu sein.

Diese ungeschriebenen gesellschaftlichen Gesetze ziehen so einiges nach sich. Nach wie vor gibt es Fälle, in denen trotz Verbots gezielt weibliche Föten abgetrieben werden. Bereits seit einiger Zeit herrscht in vielen Gebieten in Indien deshalb ein Männerüberschuss.

Auf den Kalrayan Hills hat Elsbeth Scacchi ausserdem erlebt, dass viele Mädchen trotz Schulpflicht nicht in die Schule geschickt werden, da sie zuhause helfen müssen. «Die Schulkosten, die in Indien für eine einigermassen gute Schule selbst zu berappen sind, werden wenn, dann für die Söhne ausgegeben», sagt sie. Genau hier setzt die Balsthalerin mit ihrem Engagement an.

Schulbildung für alle
Im Namen des Vereins Intact Schweiz hat die Balsthalerin auf den Kalrayan Hills einen Schul-Campus gebaut, der mit den Jahren stetig gewachsen ist. Heute erhalten hier circa 300 Kinder eine Schulbildung. 60 von ihnen wohnen ausserdem auf dem Campus, da die Anfahrtswege oft sehr gross sind. Zu Beginn wurden nur Mädchen aufgenommen, mittlerweile besuchen auch Jungen die Schule, erzählt Scacchi. Es werde unter anderem Englisch und Informatik unterrichtet, es gebe eine Bibliothek und auch für die Verpflegung der Kinder ist gesorgt. Die Schuldbildung ermöglicht den Kindern ein Studium oder eine weiterführende Ausbildung. Sie unterstützt vor allem die Mädchen, aus ihrer Abhängigkeit auszubrechen und schafft neue Perspektiven.

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Für circa 300 Mädchen und Jungen finanziert Intact Schweiz die Schulbildung. 60 Mädchen wohnen ausserdem auf dem Campus.


Elsbeth Scacchi wurde das Engagement neben ihrem Beruf und den vielen Indienreisen in den Ferien irgendwann zu viel. Sie entschied, einen Verein zu gründen, um die Arbeit besser aufzuteilen. Mit anfänglich sechs Frauen aus ihrem Umfeld gründete sie 2003 den Verein INTACT (Integrated Action Trust) SCHWEIZ. Präsidentin ist Cornelia Misteli aus Oensingen. Der Verein finanziert sich durch Spenden. 95 Prozent der Einnahmen gehen in das Projekt nach Indien. «Meine Reisen finanziere ich immer selbst», betont Scacchi.

Die indischen Behörden
Ungefähr alle zehn Monate besucht sie für vier bis fünf Wochen die Kalrayan Hills. Zuletzt war sie nach langer, pandemiebedingter Pause Anfang November im Land. «Ich brauche immer ein paar Tage, bis ich herunterfahren kann», sagt sie. In Indien müsse sie vieles mit anderen Augen betrachten. So sei etwa die Zusammenarbeit mit den indischen Behörden alles andere als leicht. Korruption sei ein grosses Thema. Da Intact Schweiz die Korruption möglichst umgehen und nicht unterstützen wollte, wartete die Organisation zum Teil Monate oder Jahre auf Zulassungen oder Dokumente, die die Schule betreffen. Ausserdem sei man behördlicher Willkür und sich schnell ändernden Verordnungen ausgesetzt. Vor Kurzem kam die Ankündigung, dass in Zukunft Mitarbeitende und Kinder nicht mehr im selben Haus untergebracht werden dürfen. Deshalb muss im Campus von Intact ein neues Gebäude gebaut werden. «Das wird das nächste grosse Projekt sein», sagt Scacchi, die kürzlich pensioniert wurde.

Ihr Engagement für die Bevölkerung der Kalrayan Hills nehme einen grossen Teil ihrer Zeit in Anspruch. Ihre Familie muss oft auf Ehefrau, Mutter und Grossmutter verzichten. «Ich habe ganz klar Abstriche gemacht in meinem Familienleben.»

Aus Mädchen werden Frauen
Umso glücklicher ist sie, wenn sie erlebt, was ihre Unterstützung verändert. Seit einigen Jahren besucht sie bei ihren Reisen ehemalige Schülerinnen und befragt sie zu ihren Erfahrungen. Sie will wissen, was sie beruflich machen, ob sie zufrieden waren mit der Arbeit von Intact und auch, was sie sich für ihre Töchter wünschen. Die meisten Frauen, die sie besuche, seien mittlerweile verheiratet und Mütter, viele hätten einen guten Job. Was Scacchi aber noch mehr freut: Fast alle der von ihr interviewten Frauen geben an, dass sie ihre Töchter und andere Mädchen in ihrem Umfeld motivieren wollen, zur Schule zu gehen.

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Elsbeth Scacchi mit einer ehemaligen Schülerin, die heute als Krankenschwester arbeitet.


Auch wenn die Situation in den Kalrayan Hills nach wie vor prekär sei und die gesellschaftlichen Normen eher wieder strenger würden, beobachte sie einen Wandel: «Diese Frauen reden ganz anders als ihre Mütter, die überzeugt werden mussten, ihre Töchter zur Schule zu schicken», freut sich Scacchi. «Wir sind zwar ein Tropfen auf dem heissen Stein – aber ohne diese Tropfen geht es nicht.»

Am 28. April um 19 Uhr hält Elsbeth Scacchi in Laupersdorf einen Vortrag mit Bildern über dieses Thema. Interessierte sind herzlich eingeladen und können sich via Volkshochschule Thal anmelden.

Alle Infos: www.intactschweiz.ch

Text: MB & Bilder: ZVG