Nach dem grossen Erfolg von «Dr Passwang-Louis» und der erfolgreichen Durchführung des Solothurner Kantonalmusikfestes im Sommer 2024 wagt sich die Musikgesellschaft Konkordia Mümliswil bereits an das nächste Grossprojekt. Mit der Konzertunterhaltung «Kammi» bringt der Verein im Januar ein Stück Solothurner Industriegeschichte auf die Bühne.
Marco Nussbaumer fungiert bei diesem Projekt in Personalunion als Komponist, Textautor und Dirigent. Die Arbeit am Stück begann er direkt nach dem Musikfest im Sommer 2024. Rund ein Jahr dauerte der schöpferische Prozess, geprägt von intensiven Phasen und bewussten Ruhepausen. «Ich habe gerne Zeit, damit ich auch etwas ruhen kann zwischendurch, um dann wieder Vollgas zu geben», beschreibt Nussbaumer seinen Arbeitsrhythmus.
Es braucht Geduld und Verständnis
Für das Orchester war der Probenbeginn im September dieses Jahres eine Reise mit unbekanntem Ziel. «Ich selbst weiss zu Beginn, wie das ganze Stück sein sollte. Die Musizierenden zuerst aber nicht», erklärt Nussbaumer die Herausforderung der ersten Wochen. «Es braucht auf beiden Seiten Geduld und Verständnis.» Dabei half die Erfahrung aus dem Jahr 2020 mit «Dr Passwang-Louis» enorm. Er vergleicht die Arbeit mit einem grossen Puzzle, bei dem die Teile nach und nach ihren Platz finden: Zuerst entsteht das musikalische Fundament, dann kommen die Sänger hinzu, bis schlussendlich ein Gesamtbild für alle erkennbar wird.
Informationen aus einem Buch und vom Museum
Inhaltlich stützt sich das Werk auf das Buch «Chignon-Kamm aus Büffelhorn» des Solothurner Autors Franz Walter sowie auf historische Dokumente aus dem Museum Haarundkamm. Nussbaumer hat diese Faktenbasis in ein Libretto für Sopran, Bariton und Blasorchester verwandelt, das fast 200 Jahre Zeitgeschichte umspannt.
Musikalisch bedeutet dies eine Reise durch die Stilepochen, der die einstige globale Vernetzung des kleinen Mümliswil hörbar macht. Die Kammfabrik war um die Jahrhundertwende ein internationaler Akteur mit Niederlassungen in aller Welt. «Musikalisch findet man das in der Partitur wieder», erklärt Nussbaumer. So erklingt ein Tango als Referenz an die Filiale in Buenos Aires, ein Chanson erinnert an die Weltausstellung in Paris, und für Queen Victoria – die einst Kämme aus Mümliswil trug – komponierte Marco Nussbaumer eigens eine Fanfare und ein Lied. Auch der gesellschaftliche Wandel klingt mit: Wenn in den 1920er- Jahren der modische «Bubikopf» den Markt für Steckkämme zerstört, wechselt der Sound in der Aula zu Jazz und Charleston.
Die Katastrophe
Der dramatische Wendepunkt in der Geschichte ist der Fabrikbrand von 1915, bei dem durch die Explosion des leicht entzündlichen Zelluloids 32 Menschen ihr Leben verloren. Diese Katastrophe zu vertonen, war für den Komponisten die schwierigste Aufgabe. «Dort hatte ich sehr lange zu schreiben», gesteht Nussbaumer. Er entschied sich bewusst gegen laute Effekthascherei. Die Musik an dieser Stelle ist «eher still, ruhig und nachdenklich». Sie soll den Menschen im Saal nahegehen, ohne sie zu sehr zu erschüttern.
Um die anspruchsvollen Gesangspartien umzusetzen, hat sich die Konkordia für dieses spezielle Projekt externe Verstärkung geholt. Die Sopranistin Fabienne Skarpetowski, die bereits beim «Passwang- Louis» brillierte, kehrt nach Mümliswil zurück. An ihrer Seite singt der Bariton Beat Schwerzmann. Sie verkörpern keine starren historischen Einzelfiguren, sondern geben den Menschen jener Epochen – von der einfachen Arbeiterin bis zum Fabrikdirektor – eine wandelbare Stimme.
Buchautor als Erzähler
Eine besondere Note erhält die Aufführung durch den Erzähler: Franz Walter, der Autor der Buchvorlage, steht selbst auf der Bühne. Für Nussbaumer ist diese Konstellation ein Glücksfall: «Die Zusammenarbeit zwischen dem Autor des Buches und dem Komponisten, der die Geschichte neu interpretiert, funktioniert reibungslos.»
Geschichte hörbar machen
Wenn sich im Januar 2026 der Vorhang in der Aula des Schulhauses Brühl hebt, geht es um mehr als nur Unterhaltung. «Man merkt schon, dass die Leute in dieser schwierigen Zeit mit Kriegen und Krisen nach Sinn und Heimat suchen, da ist schon Nostalgie dabei», reflektiert Marco Nussbaumer. Doch es ist eine Nostalgie mit Lerneffekt. «Man sollte wissen, wo unsere Wurzeln sind», betont er.
In einer Zeit, in welcher das Interesse an der Vergangenheit oft schwindet, setzt die Konkordia Mümliswil einen klangvollen Kontrapunkt: Sie macht Geschichte hörbar.
