Historischer Verein Kanton Solothurn / Anzeiger Thal Gäu Olten
Bei den Bildern auf dieser Seite handelt es sich um ausgewählte Beispiele von Forschungsdesideraten. Themen und Disziplinen also, die noch lückenhaft erforscht sind. Thema dieser Aufnahme: Frauenberufe im Kanton Solothurn. Hier im Bild (Mitte), anlässlich der Hochzeit ihres Bruders 1953, zum Beispiel die Gemeindehebamme von Gunzgen, Härkingen und Egerkingen, Louise von Arx-Moll, geb. 1916. Beitrag von Edith Hiltbrunner im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, Bd. 97, 2024, S. 191.

Eine Landkarte des Nicht-Wissens

Neue Plattform zur Förderung der historischen Forschung im Kanton Solothurn

Die Geschichte des Kantons Solothurn ist in vielen Bereichen zu wenig oder gar nicht erforscht. Der Historische Verein des Kantons Solothurn hat nun eine Sammlung von 200 Themen publiziert, deren Untersuchung wünschbar wäre. Die Liste soll Forschende, aber auch Lehrende an Universitäten und allgemein Interessierte auf Themen hinweisen und so die historische Forschung fördern. «Für einen Nicht- Universitätskanton ist gerade das von Bedeutung», sagt Vereinspräsidentin Verena Schmid Bagdasarjanz.

Eine Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Staatsarchivar Stefan Frech hat in monatelanger Arbeit eine Analyse des Forschungsstandes vorgenommen und die Forschungslücken im Kanton Solothurn identifiziert. Ergebnis ist eine umfangreiche Sammlung unerforschter historischerThemen aus allen Bereichen der Gesellschaft und aus verschiedenen Zeitepochen, also quasi «eine Landkarte des Nicht-Wissens», wie der Historische Verein des Kantons Solothurn (HVSO) in einer Mitteilung an die Medien schreibt. Besagte Karte steht nun auf der Website des Vereins zur Verfügung.

Seit 1928 gibt der HVSO das Jahrbuch für Solothurnische Geschichte heraus. «In einem Nicht-Universitätskanton stellt das Jahrbuch eine wichtige Plattform für die historische Forschung und für Forschende dar», sagt Verena Schmid Bagdasarjanz. Sie ist seit mehr als einem Jahrzehnt im Vorstand des HVSO und präsidiert den Verein seit zwei Jahren. Aktuell präsidiert die Wahlsolothurnerin zudem auch die breit abgestützte Redaktionskommission des Vereins, die unter anderem für das Jahrbuch verantwortlich zeichnet und welcher auch der Staatsarchivar angehört. In den Reihen der Kommission sei die Idee für die neue Plattform entstanden, erzählt die Präsidentin. Angeregt von Stefan Frech und dessen Team seien Fragen aufgeworfen worden à la: Worüber existieren Beiträge? Wird im Kanton Solothurn überhaupt genug geforscht?

Historischer Verein Kanton Solothurn / Anzeiger Thal Gäu Olten
Einfluss des Staats auf die Kirche oder der Kulturkampf 1870 bis in die 1960er-Jahre.
Bild: Fronleichnamsprozession 1930 in der Ringstrasse Olten (Stadtarchiv Olten, Fotosammlung). Beitrag von Peter Heim im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, Bd. 96, 2023, S. 173.


Weg zu relevanten und originellen solothurnischen Themen ebnen
Die Forschungsplattform soll nun laut Schmid Bagdasarjanz Studierenden und Forschenden relevante und originelle Themen für Abschlussarbeiten – Bachelor, Master, Dissertation – oder für Forschungsprojekte aufzeigen und damit den Weg für zukünftige historisch-wissenschaftliche Untersuchungen zu solothurnischen Themen ebnen. Nach Auffassung des Historischen Vereins kommt diesem Ansinnen gerade in einem Nicht-Universitätskanton eine besonders grosse Bedeutung zu. «Es ist keineswegs so, dass der Kanton Solothurn eine Forschungswüste ist», will die Präsidentin unterstrichen haben. Aber noch seien viele Themen nicht oder zu wenig erforscht.

In der Sammlung der neuen Plattform finden sich 200 Themen aus allen Bereichen von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft – vom Mittelalter bis heute. Warum gehören heute das Laufental oder Teile Neuenburgs nicht zum Kanton? War Solothurn Ende des 18. Jahrhunderts ein besonders fortschrittlicher Staat? Was lässt sich über die damalige Stellung der Frauen sagen? Fragen, deren Erforschung spannende Ergebnisse zu Tage fördern kann. In den Stadtarchiven Olten und Grenchen lagern dutzende Industriefirmenarchive aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die bislang nicht ausgewertet wurden. Im Staatsarchiv lagern tausende Gerichtsakten, Sozialhilfedossiers oder Briefe und Tagebücher, die tiefe Einblicke in das alltägliche Leben bieten. Und wer war eigentlich Jakob Hüglin? Franziska Möllinger? Antworten darauf finden sich in der Zentralbibliothek Solothurn.

Historischer Verein Kanton Solothurn / Anzeiger Thal Gäu Olten
Anfänge der Industrialisierung im katholischen Agrarkanton. Ursachen und Entstehungsbedingungen in der zweiten Hälfte 19. Jh. Quellen finden sich im Stadtarchiv Olten, Firmenarchive und diverse Bestände im Staatsarchiv Solothurn.
Bild: als Beispiel die Firma Sunlight AG /Lever.


Die Pflege von Kontakten
Nebst der Identifizierung von Forschungslücken und möglichen Forschungsthemen, der Zusammenstellung von Hinweisen auf Archiv- und Bibliotheksbestände und auf Anlaufstellen widmet sich die Arbeitsgruppe der Beobachtung der aktuell laufenden wissenschaftlichen Arbeiten, die den Kanton Solothurn betreffen oder für dessen Erforschung interessant sein könnten. Thema ist auch die Pflege von Kontakten zu Universitäten und anderen Institutionen sowie die Anregung von Beiträgen fürs Jahrbuch für Solothurnische Geschichte und von Forschungsprojekten.

Der Arbeitsgruppe gehört auch Peter Heim an. Der bekannte Oltner Historiker bekleidete von 2003 bis 2012 das Amt als Stadtarchivar von Olten.

Alle Informationen zum Verein und zur Forschungsplattform: hvso.ch

Text: MGT & Bild: ZVG