Mit spitzer Feder

Meinrad Kofmel

«Alt werden ist natürlich kein reines Vergnügen, aber denken wir an die einzige Alternative …»*
Trotzdem, ich werde sechzig und hadere sehr mit dieser Schallmauer. Dies umso mehr, wenn ich Menschen begegne, die auf dem Longevity-Trip sind. Sie alle wollen möglichst lange leben, aber auf keinen Fall alt sein. Dafür mixen sie Selbstoptimierung mit Selbstkasteiung, Lifestyle-Bücher sind ihre Bibeln und Coaches im Internet ihre Evangelisten.

Einer ihrer Jünger ist Pesche. Ich traf ihn kürzlich nach dem Einkaufen und erkannte ihn fast nicht wieder, als er im engen Trainingsanzug keuchend auf mich zu humpelte. Ausgemergelt sah er aus, leidend, blass und freudlos. «Jesses Pesche», entfuhr es mir, «du schaust ja schrecklich aus! Geht’s dir nicht gut?» «Im Gegenteil», belehrte er mich nach Luft ringend, «mir geht es grossartig – sagt mein Coach. Ich lebe streng nach seinen Longevity-Regeln und bin auf dem besten Weg, hundert zu werden.» Dann schaute er abschätzig auf meinen Bauchansatz, schüttelte verächtlich den Kopf, als sein Blick auf die Weinkiste fiel, die ich ins Auto hievte, und joggte mehr arthrotisch als elegant von dannen.

«Tschüss!», rief ich ihm nach, und mir fiel unwillkürlich die Geschichte vom Mann ein, der zum Arzt kommt und wissen will, ob er hundert Jahre alt werden könne. Die Fragen nach dem Rauchen, dem Trinken, dem deftigen Essen und den Frauengeschichten verneint er vehement, worauf der Mediziner verdutzt meint: «Und weshalb wollen Sie dann hundert werden?»

*Das Zitat stammt von Robert Lembke. Er wurde 75 Jahre alt.