Mit spitzer Feder

Stefan Müller-Altermatt

Ich wohne in einer Gemeinde mit 610 Einwohnern. Und bin Mitglied einer Kirchgemeinde mit knapp 250 Seelen. Das ist beides sehr klein, man ist zeitgeistig sofort geneigt zu denken: «Müsste man da nicht fusionieren?». Denn genau das geschieht ja landauf, landab.

Dann frage ich mich aber: Welches Problem würde man denn mit einer Fusion adressieren? Wäre man effizienter? Fände man eher Leute für irgendwelche Ämter? Hätte man mehr Einfluss oder mehr Engagement? Sämtliche Erfahrungen und auch Studien zeigen, dass alledem nicht so ist.

In einer kleinen Gemeinde gibt es eben etwas, was der Fusionsgemeinde abgeht: Identifikation. In unserer Gemeinde sind alle Chargen besetzt – weil jede und jeder weiss, dass er oder sie gebraucht wird. Die umfassend informierte Gemeindeverwalterin ist eigentlich nichts anderes als das, was man in grossen Gemeinden mühsam wieder schaffen und neudeutsch umschreiben muss: Der «single point of contact». Und in der Kirchgemeinde organisierte gerade eben erst die Pfarreigruppe einen Livestream von der Vereidigung des Schweizergardisten aus den eigenen Reihen, inklusive Apéro – freiwilliges Engagement, gratis und franko.

Hätte man irgendeine dieser Stärken nicht mehr, sondern eben die Schwächen, die man kleinen Gemeinden im Voraus attestiert, dann wäre eine Fusion subito ins Auge zu fassen. Tut man es aber vorher – wie aktuell mit den Bestrebungen des Bistums – dann macht man die existierenden Stärken kaputt.

Jede Gemeinde hat so ihre Probleme. Die Kleinheit an sich war noch nie eines.

Stefan Müller-Altermatt, Kleingemeindeangehöriger