Mit spitzer Feder

Stefan Müller-Altermatt

Wir haben das Haus der Schwieger­eltern übernommen. Ein ehemaliges Bauernhaus mitten im Dorf, mit Bauerngarten vor dem und Hostett rund ums Haus. Wie Generationen zuvor wurde auch an uns weitergegeben, wie rund um das Heim gewirtschaftet wurde.

Da sind etwa die Apfelsorten auf den ganzen Jahreslauf ausgelegt: Klarapfel zum Einmachen als Schnitz. Goldparmäne und Gala als herbstlicher Tafelgenuss. Boskop und Sauergrauech für den Most. Und schliesslich die Glockenäpfel, mit denen man auch im Februar noch köstliche Wähe backen kann. Dazu Quitten für den Brotaufstrich, Zwetschgen für die Desserts und Birnen zum Brennen.

Das haben die Vorfahren alles so angelegt, auf dass die reiche Kinderschar stets genährt sei.

Ich darf es weiterpflegen, dieses wohldurchdachte Erbe. Und dabei erfahre ich nun, wie die ersten Kartoffeln aus dem Garten beim Schwellen aufplatzen, weil sie zu viel Stärke und zu wenig Flüssigkeit in sich tragen. Wie wir Miniatur-Schnitze einfrieren, weil die Klaräpfel nicht wuchsen. Wie das Emd in der Hostett verdorrte, ehe es dem Vieh des Nachbarn zur Nahrung werden konnte.

Ich habe die Möglichkeit, auf Migros, Coop & Co. auszuweichen, um meine reiche Kinderschar ernähren zu können. Ich tue es dieser Tage aber mit dem trüben Gedanken, dass ein solches Jahr einst in die Hungerkatastrophe geführt hätte. Und ich tue es mit noch mehr Respekt gegenüber dem Lebensmittel und jenen, die es produziert haben – und die anders als ich von dieser Lebensmittelproduktion leben können müssen.