Als 33-Jähriger wurde Stephan Berger zum Vorsteher des Oberamtes Thal-Gäu gewählt, nächsten Dienstag feiert er sein 25-Jahr-Jubiläum. Der Balsthaler, der mittlerweile drei der vier Oberämter im Kanton Solothurn leitet, ist heute Vermittler und morgen Vollstrecker. «Es ist genau dieser Aufgabenmix, der meine Funktion so enorm spannend macht», sagt er.
Nüchtern ausgedrückt, pflegt Stephan Berger Bürgernähe, den direkten Austausch und Kontakt zwischen ihm als Oberamtvorsteher und seinem Team mit den Menschen. Just in Zeiten der Digitalisierung erachte er den direkten Kontakt mit der Bevölkerung als sehr wichtig, sagt er. «Im direkten Gespräch kann ich ein Problem rascher erfassen, als wenn wir zehnmal irgendwelche Mails hin- und herschicken.»
Fakt ist aber auch einfach: Er mag Menschen. Es gelingt ihm trotz – oder vielleicht eben gerade wegen – seines immensen Erfahrungsschatzes, immer wieder aufs Neue gänzlich vorurteilslos auf sie zuzugehen und sich ihre Geschichte(n) anzuhören. «Ja, ich mag den täglichen Austausch und den Umgang mit Menschen sehr», sagt er denn auch. Seine Ausbildung als diplomierter Familienmediator und die langjährige Mitarbeit im Care Team des Kantons Solothurn helfen ihm zudem, um mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen umzugehen, einen Sachverhalt rasch einzuordnen und die richtigen Weichen zu stellen. Dass dabei auch schwierige Entscheide zu fällen seien, gehöre in einer Führungsposition ganz einfach dazu.
Kein Zufall wohl, dass der Menschenkenner bereits mit 29 Jahren stellvertretender Oberamtvorsteher war und vier Jahre später durch den Regierungsrat zum Vorsteher des Oberamtes Thal-Gäu gewählt wurde. Anfang September nun feiert er sein 25-Jahr-Jubiläum.
Bindeglied zwischen Regierung, Gemeinden und Bevölkerung
Die vier Oberämter im Kanton Solothurn übernehmen vielfältige Aufgaben in unterschiedlichen Themenbereichen: Bevorschussung von Kinderalimenten und Inkassohilfe, Mietschlichtungen und Schlichtungen nach Gleichstellungsgesetz, Administrativverfahren nach Hundegesetz, Vollstreckungen von rechtskräftigen Verfügungen und Entscheiden, die Durchführung von Erhebungen im Einbürgerungsverfahren oder auch Aufgaben im Zusammenhang mit Wahlen und Abstimmungen. «Die vier Oberämter sind wichtige Bindeglieder zwischen Regierung, Gemeinden und der Bevölkerung», unterstreicht Stephan Berger deren Bedeutung.
Seine Rolle bei der Bewältigung all dieser Aufgaben ist unterschiedlich. Ist er als Präsident der Mietschlichtungsbehörden eher als neutraler Berater und Vermittler im Einsatz, hat er als Vollstreckungsbehörde, beispielsweise bei einer Zwangsräumung einer Wohnung, ein Gerichtsurteil durchzusetzen – ohne Wenn und Aber und immer in Begleitung der Kantonspolizei. «Genau dieser Mix an Aufgaben macht meine Funktion so enorm spannend», frohlockt der Balsthaler.
Abnahme des Gelöbnisses als berührende Aufgabe
Was hat sich aus seiner Sicht in diesem Vierteljahrhundert am meisten verändert? In Sachen Aufgabenbereich, er muss nicht lange überlegen, die Schaffung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden ab 2013. Dies habe auch zu einer Entflechtung der Aufgaben bei den Oberämtern geführt, hält er fest. Aber klar: Mobiles Arbeiten, der Einsatz von Smartphones und Laptop oder Homeoffice – das hätte er sich beim Start so nicht vorstellen können. «Leider ist auch der Umgangston ganz generell etwas rauer geworden», sagt Berger nicht ohne Bedauern.
Bewusst niederschwellig ist das Oberamt auch erreichbar: Während der Bürozeiten im Amthaus Olten etwa ist eine Vorsprache auch ohne Voranmeldung möglich, Fachleute kümmern sich direkt um das jeweilige Anliegen. Oftmals geht es gemäss Berger auch um sprachliche Barrieren – dann ist ein direktes Gespräch zielführender als eine schriftliche Kommunikation. Einen engen Kontakt und Austausch pflegt der Oberamtvorsteher auch mit den Gemeinden. Regelmässig ist er als Gast an den Konferenzen der Gemeindepräsidien zugegen, um den Austausch sicherzustellen. Er weiss nur zu gut, wie wichtig es ist, Ansprechpartner und Verantwortliche persönlich zu kennen – bei Schönwetter und erst recht im möglichen Krisenfall.
Kein Zufall deshalb auch, dass er die alle vier Jahre stattfindende Abnahme des Amtsgelöbnisses der Präsidien der Einwohner-, Bürger- und Kirchgemeinden pro Amtei als für ihn immer wieder aufs Neue «ehrenvolle und berührende Aufgabe» bezeichnet. Diese Vereidigung findet jeweils zu Beginn der neuen Amtsperiode statt.
Drei der vier Oberämter im Kanton unter seiner Leitung
Mittlerweile leitet Stephan Berger nicht nur das Oberamt Thal-Gäu, sondern auch zwei der drei weiteren Oberämter im Kanton Solothurn. Im Rahmen einer Reorganisation entschied der Regierungsrat, dass diese ihre Dienstleistungen für die Bevölkerung auch künftig an den vier Standorten Solothurn, Olten, Balsthal und Breitenbach zu erbringen haben – und dies mit neu zwei statt wie bisher vier Vorstehenden. Das Oberamt Region Solothurn wird weiterhin von Susanne Berchtold geleitet, Berger als langjährigem Vorsteher in der Region Thal-Gäu wurde im Jahr 2024 neu auch die Leitung der Oberämter Olten-Gösgen und Dorneck-Thierstein übertragen. Wie er diese drei Aufgaben unter einen Hut bringt? Berger schmunzelt. Wie bei jeder Reorganisation seien die ersten Meilensteine aufwändig – «Ich musste mich neu organisieren.» Heute dürfe er auf ein stabiles Team von Mitarbeitenden zählen, die Abläufe hätten sich eingespielt, die neuen Strukturen bewährten sich.
Aber klar: Seine Arbeit vor Ort, an den verschiedenen Standorten, ist mit Reisezeit verbunden. «Es braucht eine gute Planung und Flexibilität.» Es leuchtet ein: Die personelle und fachliche Führung dreier dezentraler Oberämter bedeutet eine grössere Herausforderung als die einer einzelnen Amtsstelle. Ein Mehraufwand, der natürlich auch seine Mitarbeitenden an den Standorten betreffe, denen er für ihre Unterstützung dankbar ist.
Ein Hansdampf in vielen Gassen
Wie Stephan Berger es schafft, trotz der starken beruflichen Belastung regelmässig Zeit für ehrenamtliches Schaffen zu finden, wie jüngst am Nordwestschweizer Schwingfest im Guldental, bleibt sein Geheimnis. Oder er tritt, wie vergangenen Herbst am Reformationstag, in der Kirche als geladener Laienprediger auf, wo er das Publikum mit der Erzählung über sein Nahtoderlebnis nach einem Töffliunfall in jungen Jahren fesselte. Ein Erlebnis, welches ihn stark prägte und seine Lebenseinstellung für immer veränderte. Ein Auftritt auf der Kanzel, der selbst für den Tausendsassa, der oft – und gerne – vor Menschen spricht, einer der speziellen Art war.
Berger ist aber auch einer fürs Grobe, der anpackt, statt wegzuschauen. Vor Jahren, als sein fixer Arbeitsplatz noch in der Klus war, ertönte beim Kreisel im Schmelzihof ein lauter Knall. Eine seitliche Kollision zweier Autos. «Eine Frau war im Auto eingeklemmt und klagte über Schwindel und Rückenschmerzen», erinnert er sich. «Als Feuerwehroffizier leistete ich Erste Hilfe und wandte bei der Patientin den Halsschienengriff an, bis die Ambulanz eintraf. Mein damaliger Stellvertreter, ein ehemaliger Polizist, regelte den Verkehr.» Die angerückte Polizei sei überaus beeindruckt gewesen von den Kompetenzen der Oberamt-Spitze ausserhalb ihrer eigentlichen Amtstätigkeit …
Allen Stürmen getrotzt
Bemerkenswert, dass das Oberamt allen politischen Stürmen und Versuchen, es teilweise oder gleich ganz abzuschaffen, getrotzt hat. Ob es halt doch wichtiger ist, als da und dort vermutet wurde? Stephan Berger schmunzelt. Die regionale Verankerung der Oberämter in den Regionen unseres Kantons sei unbestritten. «Unsere Aufgaben müssen von Gesetzes wegen erfüllt werden. Gäbe es die Institution der Oberämter nicht, hätten die Einwohnergemeinden und andere kantonale Ämter diese Aufgaben übernehmen müssen.» Der Regierungsrat habe erkannt, dass dies nicht zielführend sei, und entsprechende Entscheidungen getroffen. Die richtigen Entscheidungen, ist man geneigt anzufügen.
Wie er das Jubiläum am 1. September begehen wird? Er lächelt. «In bescheidenem Rahmen: Ich werde meine Ehefrau Regula zu einem feinen Znacht einladen.» Schliesslich, sagt er, sei hinlänglich bekannt, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau stehe.