Mit spitzer Feder

Sabrina Glanzmann

Der Lift im Gebäude meiner Physiotherapeutin hält auf Etage 3. Die Tür öffnet sich, ein Mann steigt ein. Wir sind zu zweit auf zwei Quadratmetern. Und was macht der aufgeklärte Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts in einer Situation wie dieser? Richtig: Er starrt mit chirurgischer Präzision auf die Etagenanzeige, als hänge das Überleben der Menschheit vom Wechsel der Zahlen von 3 auf 2 ab. Ein einfaches «Guete Tag»? Zu gewagt. Ein Satz über das Wetter? Viel zu intim.

Wir haben uns im öffentlichen Raum aufeinander abgestimmt wie Profi-Agenten auf Geheimmission: Im Zug tragen wir Noise-Cancelling-Kopfhörer in der Grösse von Salatschüsseln, um der Welt zu signalisieren «Ich bin eigentlich gar nicht hier!» Im Restaurant sitzen sich Paare schweigend gegenüber, beide tief versunken in ihren Bildschirmen. Vermutlich lesen sie gerade einen Artikel darüber, wie wichtig echte Kommunikation in Beziehungen ist.

Das Paradoxe daran: Fragen Sie dieselben Leute in einer Umfrage, woran es ihnen im Alltag fehlt, fallen Antworten wie «an echten Begegnungen, an Nähe, an Verbundenheit» nicht nur einmal. 

Wir sehnen uns nach menschlicher Wärme, haben aber gleichzeitig panische Angst davor, im Lift von einem Fremden gefragt zu werden, ob der Regen heute noch aufhört (na ja, in letzter Zeit leider eher, wann es wieder einmal regnet…). Wir schützen uns so konsequent vor jedem ungeplanten Kontakt, dass wir am Ende komplett ungestört vereinsamen. Aber hey: Hauptsache, niemand hat uns im Wartezimmer beim Zahnarzt angesprochen.

Die Autorin hofft, dass unschuldiger Smalltalk wieder salonfähig und massenkompatibel wird.