Die Dramatisch-Literarische Gesellschaft Balsthal (DLG) spielt ab dem 16. Oktober im Kultursaal Haulismatt «Tschingge – Ein Stück Schweiz» von Adrian Meyer. Nach «Happy Family» führt erneut Ueli Blum Regie in diesem Stück, mit dem die DLG die Schwarzenbach-Zeit auf die Bühne holt.
Juni 1970, ein Dorf in der Deutschschweiz. In wenigen Tagen stimmt das Land über die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach ab. Diese verlangt, den Ausländeranteil auf zehn Prozent zu begrenzen. Bei einem Ja müssten 300 000 bis 350 000 Menschen die Schweiz verlassen, die meisten von ihnen Italienerinnen und Italiener. In dieser aufgeheizten Stimmung spielt «Tschingge», das vielbeachtete Stück des Aargauer Autors Adrian Meyer, welches die DLG Balsthal nun als Laienproduktion auf die Bühne bringt. Die Premiere findet am Freitag, 16. Oktober, statt, insgesamt sind neun Vorstellungen geplant.
Fortunato Pozzi, junger Mittelstürmer bei «Hutters Betonwade», landet nach einem bösen Foul im Trainingsmatch mit einer Kopfverletzung im Spital. Ausgerechnet Bett an Bett mit Oskar Scheidegger, Mitglied der Nationalen Aktion und überzeugter Schwarzenbach-Anhänger. Dazu kommen der eingebürgerte Deutsche Hemmerle und der Vogelkundler Marti. Das Krankenzimmer wird zur Schweiz im Kleinformat: Fortunatos Familie bringt Kaninchenbraten und Wein ans Bett, die junge Krankenschwester Margot lernt bei ihm Italienisch und verliebt sich dabei, und Scheidegger vermutet hinter allem eine Verschwörung – sogar hinter dem Verschwinden seines Katers James. Am Abstimmungssonntag steht der Final des Grümpelturniers an. Ob Fortunato spielen kann, hängt bald auch von einem eifersüchtigen Arzt und einem Zwillingsbruder ab.
Musik zieht sich durch den Abend
Die Komödie hat einen ernsten Unterbau. Vier italienische Emigrantinnen und Emigranten erzählen zwischen den Szenen von der entwürdigenden Grenzkontrolle, vom Leben in Baracken, vom Heimweh und davon, dass Familien nicht nachziehen durften. Meyer hat zudem Originalzitate des damaligen Berner Fremdenpolizei-Chefs Marc Virot in den Text eingebaut. Dieser hatte 1968 in einem Buch festgehalten, wie sich Ausländer zu benehmen hätten, und einem Kalabresen abgesprochen, je ein richtiger Schweizer zu werden. Solche Passagen unterbrechen das Spiel wiederholt und machen klar: Der Alltagsrassismus jener Jahre war keine Erfindung fürs Theater.
Musik zieht sich durch den ganzen Abend. Italienische Schlager wie «Quando Quando Quando» und «Come Prima» stehen neben Emigrantenliedern und dem Spottlied «I bin en Italiano». Ein Chor begleitet die Szenen.
Italienische Herkunft als Vorgabe
Ueli Blum, 2022 mit dem Theaterpreis des Kantons Solothurn ausgezeichnet, passt das Stück an Balsthal an. Beim Casting wurden Geschichten von Italienerinnen und Italienern aus der Region gesammelt, die in die Inszenierung einfliessen. Die DLG folgt einer expliziten Vorgabe des Autors: Die Emigrantenrollen spielen Darstellerinnen und Darsteller mit italienischer Herkunft – nicht Einheimische, die einen Akzent nachmachen.
Die Initiative wurde am 7. Juni 1970 mit 54 Prozent Nein abgelehnt, bei einer Rekordbeteiligung von 74 Prozent. 56 Jahre später gehören Italienerinnen und Italiener ganz selbstverständlich zur Schweiz. Dass man sie einst als «Tschinggen» beschimpft hat, wissen viele Jüngere nicht mehr. Das Stück erinnert daran – und stellt die Frage, wie viel davon wirklich Vergangenheit ist.
Infos: www.dlg-balsthal.ch
Neun Vorstellungen
«Tschingge – Ein Stück Schweiz»
DLG Balsthal im Kultursaal Haulismatt in Balsthal.
Aufführungen am 16. Oktober (Premiere), 17./ 21./ 23./ 24./ 25. (Nachmittagsvorstellung)/ 29./ 30./ 31. Oktober.
Vorverkauf: www.dlg-balsthal.ch oder am Schalter der OeBB in Balsthal.