Mit spitzer Feder

Tanja Baumberger

Wir sind digital, wir sind überall – wir haben zu allem eine Meinung.

Entscheiden – lieber nicht. Ob Weltpolitik, Bundespolitik oder Kanton: Kaum steht jemand hin und übernimmt Verantwortung, beginnt der Shitstorm. Alle wissen es besser. Wer entscheidet, wird kritisiert. Wer Verantwortung übernimmt, riskiert, einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Also wartet man. Vertagt. Diskutiert. Bildet Kommissionen, macht unzählige Sitzungen. Währenddessen wachsen die Probleme, und es geht nichts!

Im Kanton ebenso wie auf Gemeindeebene, es wird gebaut und gewachsen, obwohl längst Fragen nach Sinn, Mass und Grenzen im Raum stehen. «Wer soll das bezahlen, wer profitiert und bezahlt eigentlich wo Steuern?» Im Bildungswesen reden wir über Systeme und Ressourcen, aber nicht über Verantwortung – auch Verantwortung und Mitarbeit der Eltern! Und die Umwelt? Sie wartet nicht auf unsere nächste Arbeitsgruppe. Lösungen, statt alte Zöpfe. Doch wer Visionen formuliert, bekommt zu hören, er solle vielleicht besser zum Arzt gehen. Genau das ist unser Problem: Nicht, dass zu viel entschieden wird – sondern dass kaum einer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Wir sollten deshalb überlegen, wen wir kritisieren. Jemanden, der nichts tut? Oder jemanden, der den Mut hat, etwas zu entscheiden?

Wenn wieder der Satz kommt: «Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich zu tun habe!» Dann sollten wir uns fragen: Denken wir noch als Gesellschaft? Für uns, für andere und für unsere Nachkommen? Oder sind wir im Zeitalter der Selfies endgültig bei der Ich-Gesellschaft angekommen?