Welschenrohr-Gänsbunnen / Anzeiger Thal Gäu Olten
Einer der Lieblingsplätze der Gemeindepräsidentin: Theres Brunner beim alten Friedhof in Welschenrohr-Gänsbrunnen.

«Ich möchte Generationen zusammenbringen»

Sommerserie (V): Theres Brunner und ihr Lieblingsplatz auf dem alten Friedhof in Welschenrohr-Gänsbrunnen

Zum Fototermin treffen wir Theres Brunner, Gemeindepräsidentin von Welschenrohr-Gänsbrunnen, beim alten Friedhof neben der St. Theoduls- Kirche, wo oft kirchliche Feste des Dorfes stattfinden. Mit dem Platz ist sie verbunden, weil sie rund zehn Jahre als Kirchgemeindepräsidentin amtete. «Man hat von hier aus einen sehr schönen Blick über einen Teil des Dorfes und auf die Kirche», beschreibt die 60-Jährige einen ihrer Lieblingsorte im Dorf, das sie sehr liebt.

Zum Gespräch treffen wir Theres Brunner auf ihrem idyllischen Hof, den sie zusammen mit ihrem Mann Benjamin seit rund 30 Jahren betreibt. Mit einem grossen Feldstecher in der Hand kommt sie zur Tür hinaus und schaut nach einem herzhaften Händedruck zur Begrüssung sofort Richtung Hang, wo eben zwei Rehe die Wiese Richtung Wald überquerten. «Ich interessiere mich für die Bewegungen der Wildtiere auf unserem Boden, auf dem sich auch ein Teil des Wisent-Geheges befindet», erklärt die Betriebsökonomin. Ihr Mann Benjamin Brunner ist Ranger des 2017 gegründeten «Projekt Wisent Thal» zur Wiederansiedlung der Wisente und sorgt für die Überwachung der zurzeit zehn im letzten Jahrhundert beinahe ausgerotteten Tiere. Ziel des Projektes ist es, die Tiere im Thal bis ins Jahr 2031 wieder auszuwildern, der momentane Zaun sollte nach Plan in drei Jahren wegkommen. «Es gibt Leute, die behaupten, dass andere Wildtiere sich nicht getrauen, sich im Gelände dieser mächtigen Tiere zu bewegen», erklärt Brunner ihre Beobachtungen. Wie das Beispiel der Rehe zeige, stimme das schlicht nicht.

Erfahrungen sind durchwegs positiv
Überhaupt habe man zu Beginn ziemlich viel Gegenwind von anderen Bauern und Jägern erfahren. «So hatte man zum Beispiel Angst, dass die imposanten Tiere eine Gefahr für Wanderer und Besuchende darstellen könnten», sagt die Bäuerin. Die bisherigen Erfahrungen hätten aber gezeigt, dass die Wisente sehr sanfte Tiere seien und höchstens etwas «gwundrig» reagierten auf Besucher. Passiert sei in all diesen Jahren rein gar nichts, resümiert die Naturliebhaberin den Verlauf des Projektes. «Es gibt natürlich Leute, unter anderem Fotografierende, welche die empfohlenen 50 Meter Distanz nicht einhalten und zu nahe an die Tiere heran gehen», erklärt Brunner. Vor allem wenn sie gekalbert hätten, komme es dann zu Scheinangriffen, die Wisente würden aber immer abdrehen. «Das machen unsere eigenen Mutterkühe auch, wenn sie Junge haben», meint die stolze Grossmutter dreier Enkel lachend. An guten Sonntagen lockt der Wisent-Park rund 200 Besuchende an. «Wir könnten gut eine Besenbeiz betreiben, das war aber nie unsere Absicht.»

Keine Beiz, aber ein paar Treffpunkte im Dorf gibt es doch
Ursprünglich wollte man mit dem Wisent- Park auch die ortsansässigen Restaurants unterstützen, leider sind aber beide mittlerweile geschlossen. Seit 2020 ist der «Hirschen» zu und im vergangenen Jahr schloss auch das «Kreuz» seine Tore, immerhin kann man dort noch Bankette und andere Events durchführen. Den normalen Tagesbetrieb hätten die Verantwortlichen aufgrund der schwierigen Planbarkeit bezüglich Auslastung aber leider eingestellt, erzählt die Gemeindepräsidentin. Als Reaktion auf das Fehlen solcher wichtiger Treffpunkte im Dorf hat die ortsansässige Bäckerin in ihrem Betrieb ein Tea-Room eröffnet. «Es ist zwar abends und am Sonntag geschlossen, ich bin aber sehr froh über die Schaffung dieses für die Gemeinschaft wertvollen und schönen Treffpunkts mitten in unserem Dorf», sagt Theres Brunner. Ein weiterer Treffpunkt ist das «FC-Hüttli», in dem ein Pächter werktags Mittagessen anbietet, es ist natürlich auch an den Spielen und während der Trainings des FC geöffnet.

«Gute Leute im Dorf haben zudem mit viel Durchhaltevermögen eine tolle Initiative ergriffen mit dem Mittagstisch für Kinder», erzählt Theres Brunner begeistert. Zu Beginn sei der Gemeinderat eher etwas skeptisch gewesen, mittlerweile sei das Projekt des Vereins aber ein Erfolg und werde durch die Gemeinde mit einem Beitrag und dem Mieterlass des Lokals finanziell unterstützt.

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Idyllischer gelegen ist kaum mehr möglich: Welschenrohr-Gänsbrunnen aus der Vogelperspektive.


Ihr Frust über den missachteten Volkswillen…
Seit Anfang 2021 sind Welschenrohr und Gänsbrunnen fusioniert. Als einen der Vorteile der eher als abgelegen geltenden Gemeinde mitten in der intakten, wunderbaren Natur, umgeben von Feld und Wald, sieht die Gemeindepräsidentin nichtsdestotrotz genau darin: in der guten Lage, wie sie unterstreicht. «In 50 Minuten sind wir in Basel, Bern oder Zürich, wenn der Weissensteintunnel saniert sein wird, erreichen wir innert einer halben Stunde via öffentlichen Verkehr die Kantonshauptstadt.»

Weitere Vorteile seien eine recht grosse Zahl an Arbeitenden im Kleingewerbe, zudem seien die Dorfvereine ausserordentlich aktiv, Fussballclub und Turnverein können schweizweit sportliche Erfolge feiern. «Wir verfügen über Bauland, das verhältnismässig günstig erworben werden kann», ergänzt Brunner. Gern würde man in der Region mehr Arbeitsplätze anbieten, aber man werde von der kantonalen Wirtschaftsförderung leider nicht mehr mit oberster Priorität behandelt und offensichtlich als Schlafgemeinde eingestuft, lautet ihre Kritik. «Wäre die Verkehrsanbindung Thal, die 2021 vom Volk klar angenommen wurde, realisiert worden, sähe es anders aus. Das Projekt wäre für die Neuansiedlung von Betrieben enorm wichtig gewesen.» Ihre Vermutung: Der Verfasser des Gutachtens, der den negativen Bundesgerichtsentscheid überhaupt erst auslöste, war nie persönlich in der Klus.

…und die Freude über aktuelle Erfolge
Dafür erinnert sich Theres Brunner gerne an die Erfolgsgeschichte der Firma ChemValve-Schmid AG, die seinerzeit vom lokalen Unternehmer Frédy Grimm und der von ihm initiierten Wirtschaftsförderung Welschenrohr noch unter dem Namen Univam angesiedelt worden war. 1993 wurde das Werk geschlossen und rund 20 Mitarbeitende standen vor dem Nichts. Persönlichkeiten aus dem Dorf rund um Agnes Schmid, Benno Schmid und Beat Allemann-Ilg übernahmen die Firma – mit aktuell rund 40 Arbeitsplätzen hat sie sich längst zu einem der wichtigsten Arbeitgeber der Wirtschaftsregion Thal entwickelt.

Ihre Vision: ein Generationenprojekt
Bei den Wahlen im kommenden Jahr tritt Theres Brunner aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an. Ihr grosser Wunsch für die Gemeinde wäre die Realisierung von Alterswohnungen, wobei dies gemäss ihrer Vision nicht einfach ein «normales, stures Altersheim» sein sollte, sondern ein Wohnangebot für verschiedene Generationen. «Ich bin Fan von Einrichtungen, die Generationen zusammenbringen », bekennt die gebürtige Laupersdörferin. Das Land für ein so innovatives Projekt in Welschenrohr-Gänsbrunnen wäre vorhanden, aber die Suche nach Investoren war bis dato erfolglos.

30 Jahre Herzblut investiert
Nun macht sich die Grossmutter auf, das Gespräch in der Schüür, wo es nach frisch gemähtem Heu duftet, zu beenden, um sich um den kleinsten ihrer Enkel zu kümmern, der erst ein Jahr jung ist. Sie und ihr Mann werden den Hof noch etwa drei Jahre lang selber bewirtschaften, es also ein wenig «ausplämpelen» lassen, wie sie es nennt. Danach verpachten Brunners das Land an andere Landwirte, weil keiner ihrer drei Söhne den Hof übernehmen will. Fast wirkt sie etwas melancholisch, wenn sie sagt: «Wir können uns nicht ganz von diesem wunderbaren Hof trennen, in den wir drei Jahrzehnte lang viel Arbeit, aber auch Herzblut investiert haben.»

Theres Brunner
Theres Brunner hat Mitte April ihren 60. Geburtstag gefeiert. Die verheiratete Mutter dreier erwachsener Söhne ist seit 2019 Gemeindepräsidentin in Welschenrohr-Gänsbrunnen. Beruflich war die Betriebsökonomin FH während zwölf Jahren Betriebsleiterin des Benediktinerklosters Mariastein und ist seit Mai 2022 Geschäftsleiterin der Spitex Aare in Selzach/Hessigkofen. Während eines Jahrzehnts, von 2000 bis 2010, präsidierte sie die römisch-katholische Kirchgemeinde Welschenrohr. Ihre Leidenschaften sind Wandern, Lesen, Reisen, ihr Garten und «Grosi sein».

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Theres Brunner
Text: & Bilder: ALA