Mit spitzer Feder

Meinrad Kofmel

Seit die Enkel selbstständig waren und die Grosseltern nicht länger Frondienst als Babysitter verrichten mussten, war es still geworden im Haus. Sporadisch gab es zwar noch gewissensberuhigende Anrufe, aber der Kontakt simmerte auf Sparflamme. Oft vermissten Ruth und Martin die Zeiten, in denen sich die kleinen und grossen Tragödien heranwachsenden Lebens in ihrem Dunstkreis abgespielt hatten.

Mit der Ruhe war es vorbei, als Ruth alle zum Weihnachtsessen einlud. Nonstop klingelte das Telefon. «Wir verzichten auf Salz», mahnte eine Tochter, «Salz ist reines Gift.» «Wir sind laktoseintolerant », erinnerte sie die zweite, «Laktose ist reines Gift.» «Keinen Zucker für die Kids», forderte Sohn eins, «Zucker ist reines Gift.» Und so ging es weiter. Schwiegertöchter und -söhne stimmten ein in den Kanon; die Liste der Gifte schwoll an: Fleisch, Krustentiere, Gluten und Alkohol selbstverständlich. Auch die Ansprüche summierten sich: regionale Bioprodukte, vegan, makrobiotisch, low carb. Konnte es Ruths Küche einst mit der Spitzengastronomie aufnehmen, schien sie heute nur noch eines zu sein: reines Gift.

Also sagte sie kurzerhand die Einladung ab, freute sich jedoch insgeheim darüber, endlich wieder Kontakt mit all ihren Lieben gehabt zu haben. «Weisst du was?», sinnierte sie schelmisch schmunzelnd, als sie mit Martin beim Weihnachtsbraten am festlich gedeckten Tisch sass, «an Ostern drohen wir erneut, sie zu vergiften.» Sie lachten, und Martin entkorkte die zweite Flasche Burgunder.

Der Autor wünscht allen Leserinnen und Lesern frohe Fress… äh, Festtage und nur das Beste fürs neue Jahr.