Alle Jahre wieder
Jedes Jahr im Oktober versammelt sich die High Society der Weihnachtsszene an einem Waldrand fernab jeglicher Zivilisation. Kaum hat das Christkind die Einladungen in Form von funkelnden Sternschnuppen versendet, reitet Hexe Befana auf ihrem Besen aus Italien herbei. Nikolaus und Schmutzli lassen sich auch nicht lange bitten und satteln postwendend ihr Eselchen. Santa Claus fliegt mit dem Rentierschlitten über Skandinavien, um den Jultomte und den Julbock abzuholen. Bei der Gelegenheit springt auch Santa Lucia mit auf den Schlitten und sorgt mit ihrem Lichterkranz für festliche Stimmung. Wie es Tió de Nadal aus Katalonien schafft, auf seinen steifen Holzbeinen rechtzeitig beim Treffen zu sein, weiss niemand so recht. Aber von dieser illustren Runde ist man sich Unerklärliches ja gewohnt. Als Letzte treffen in der Regel Väterchen Frost und seine Enkelin Snegurotschka ein; diese beiden lassen sich bekanntlich auch mit dem Geschenke-Bringen bis Neujahr Zeit.
Nach dem Begrüssungstamtam dauert es nie lange und die Diskussionen sind in vollem Gange; da werden Zuständigkeiten geklärt, die Geschenke-Trends der Saison besprochen und Bartlängen verglichen. Das Christkind sorgt dabei für Harmonie und verteilt himmlische Leckereien.
Ein überraschender Gast
Auch in diesem Herbst begann das Treffen ganz wie gewohnt. Bei all dem Plaudern, Necken und Schlemmen merkte niemand, dass ein unerwarteter Gast auftauchte: Wie jeder weiss, wünschen sich Fuchs und Hase allabendlich am Waldesrand eine gute Nacht. So ergab es sich, dass der Osterhase zur rechten Zeit, am rechten Ort vorbeischlenderte. Doch statt seinen Freund Fuchs anzutreffen, entdeckte er die Weihnachtsboten. Der Osterhase wollte bestimmt nicht schnüffeln, aber mal ehrlich; wer wäre nicht fasziniert bei dem Anblick?
Nie zuvor hatte der Osterhase so viele Gesichter voller reiner Herzensgüte gesehen. Die edlen Gewänder brachten die Welt zum Glitzern und Funkeln. Magie lag in der Luft und es roch herrlich nach Weihnachtsgebäck, Glühwein und Zitrusfrüchten. Vor Staunen konnte sich der Osterhase kaum rühren. So lauschte er den Erzählungen und erkannte den vielfältigen Zauber der Weihnacht.
Wie abenteuerlich müsste es sein, auf einem Rentierschlitten durch die Nacht zu fliegen und durch Schornsteine in die Wohnzimmer der Kinder zu rutschen? Wie zauberhaft wäre es, bei Kerzenschein und Glockengeläut Geschenke unter einen Weihnachtsbaum zu legen? Wie gerne würde er hören, wie die Kinder Versli aufsagen? Was würde er nicht drum geben, von den Kindern umtanzt und beschenkt zu werden? All diese Fragen gingen dem Osterhasen durch den Kopf. In seinen Tagträumen sah er sich über Dächer fliegend und in kuschlig warmen Stuben liegend. Seine Augen begannen zu leuchten und er fühlte sich ganz aufgekratzt.
Doch, würde er es wagen, wie Lucia, brennende Kerzen auf dem Kopf zu tragen? Hielte er die Kälte hoch im Norden aus? Könnte er, wie Tió, tagelang stillstehen und sich nur rühren, wenn niemand ihn beobachtete? Aber klar, er wäre dabei ja nicht alleine!… Auf einmal überkam ihn ein unangenehmes, fremdartiges Gefühl. Ihm wurde das Herz schwer. Seine Brust schnürte sich zusammen und sein Mund wurde ganz trocken. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte der Osterhase Neid.
Das Weihnachtsfest schien deutlich glamouröser und magischer zu sein als Ostern. Doch das allein war es nicht. Vielmehr fühlte er sich einsam. Er war weit und breit der einzige, der an Ostern die Kinder beschenkte. Er konnte seine Aufgabe als Osterbote mit niemandem teilen. Als er erkannte, dass er neidisch geworden war, schämte er sich. Gerade er sollte sich doch für die anderen freuen. Er schüttelte sich, um diese beklemmenden Gefühle loszuwerden, doch es gelang ihm nicht recht. Also drehte er sich um und hoppelte mit einem tiefen Seufzer davon. Das Christkind, aufmerksam wie es war, hatte sein Seufzen gehört und eilte ihm nach.
Der Osterhase liess sich vom Christkind in die weihnachtliche Gesellschaft einführen. Alle freuten sich über ein neues Gesicht und schon bald stand der Osterhase im Mittelpunkt des Festes. Er erzählte vom Bemalen und Verstecken der Eier, vom Frühling mit seinen Blüten und Knospen, und von den strahlenden Augen der Kinder bei seinem Anblick. Die Weihnachtsboten hörten gebannt zu und zeigten sich beeindruckt. Sie fanden die Einzigartigkeit des Osterhasen beneidenswert und meinten, er sei ein kreativer Held, sein eigener Boss und der unangefochtene Superstar der Frühlingszeit. So hatte sich der Osterhase selbst noch nie gesehen und ihm wurde ganz warm ums Herz. Sie plauderten bis tief in die Nacht hinein.
Eine grosse Idee …
Als am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen über die Baumwipfel tanzten, hatten alle das Gefühl, sich schon ewig zu kennen. Sie hatten viel über die festlichen Rituale gelernt und wünschten sich sehnlichst, all diese miterleben zu dürfen. Nikolaus, der älteste in der Runde, hatte eine grandiose Idee: «Lasst uns einander gegenseitig unterstützen und begleiten. So könnte ich auch einmal auf einem Besen fliegen und du, liebe Befana, müsstest nicht bis zum 6. Januar warten. Im Frühling könnten wir alle gemeinsam die Eier bemalen und durch die herrlich warmen Frühlingswiesen spazieren.» Sofort wurden Pläne geschmiedet und Gruppen gebildet. Mit unbeschreiblicher Vorfreude machten sich alle gemeinsam ans Backen, Sammeln und Verpacken.
… bringt kleine Veränderungen
Diese Weihnachten könntet Ihr also die eine oder andere Überraschung erleben. Es ist durchaus möglich, dass Ihr eine lachende Hexe entdeckt, die auf einem Rentier reitet. Vielleicht trägt der «Nikolaus » plötzlich ein blaues Gewand und hat statt einen Schmutzli ein hübsches Mädchen dabei. Es könnte sein, dass ein Wichtel durch Euren Kamin rutscht oder das Christkind von einer Ziege begleitet wird. Wundert Euch auch nicht, wenn Ihr an Heilig Abend aus dem Augenwinkel flauschige lange Ohren erblickt, oder wenn Euch einige Weihnachtskugeln verdächtig Ei-förmig vorkommen. Diesen kleinen Wandel nehmen wir alle sicher gerne in Kauf. Schliesslich sollen sich auch Christkind, Osterhase und Co. ihre Wünsche erfüllen dürfen und es ist und bleibt das Fest der Liebe, der Einigkeit und der Freude.

