Ich bin ein grosser Fan von Sting – nicht nur wegen seiner Musik. Als Mensch wirkt er klug und wach. Und ja, auch das: attraktiv. Sein Musical «The Last Ship» führte uns nach Paris, zuvor lief es in Amsterdam, vor Jahren floppte es in New York. Gesehen hatten wir es bereits in Lübeck vor zwei Jahren, ohne Sting selbst auf der Bühne, jetzt auf der Tour spielt er selbst mit und singt und er macht es gut. Kleiner in Lübeck, im normalen Theaterrahmen, hatte das Stück grosse Wirkung. Die wunderbare Musik und die Texte hatten Raum.
In Paris: Grosses Haus, fulminantes Bühnenbild, volle Ränge, gemischtes Publikum, Tickets fast so teuer wie bei Helene Fischer. Kaum erklangen die ersten leisen Töne, leuchteten überall Handybildschirme. Hinter uns führte ein Paar sein Privatgespräch in Wohnzimmerlautstärke. Ich schwankte zwischen Fassungslosigkeit und Zorn. Was ist geschehen mit uns? Wann haben wir verlernt, dass ein Theaterraum Respekt verlangt – vor Kunst und Mitmenschen? Dieses Dauerleuchten, dieses Dauerreden, dieses Dauer-Ich ist kein Einzelfall. Es zeigt sich in Abstimmungen als Gebrüll statt Argument, in Schulen als Angriff statt Dialog, im Verkehr als Rücksichtslosigkeit. An Bahnhöfen in Schubsereien.
Ich fühle mich bisweilen wie aus der Zeit gefallen. Sind Normen und Werte Relikte? Delegieren wir Erziehung an Bildschirme, an Algorithmen, an «die anderen»? Hat Trump in unseren «Anstand » Einzug gehalten? Anstand und Kultur beginnen im Kleinen, in der Zelle «Familie»: im Zuhören, im Aushalten, im Schweigen, wenn es angebracht ist. Vielleicht ist genau das heute der grösste Akt von Rebellion.
