Nach dem grossen Erfolg von «Happy Family» setzt die Dramatisch-Literarische Gesellschaft (DLG) Balsthal ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Ueli Blum fort. Im Oktober führt die DLG im Kultursaal Haulismatt Adrian Meyers vielbeachtetes Stück «Tschingge – Ein Stück Schweiz» auf.
Die Balsthaler Laienspielgruppe DLG, die seit über 75 Jahren das kulturelle Leben der Region mitprägt, wagt sich an einen bedeutenden Stoff der jüngeren Schweizer Geschichte: «Tschingge» spielt in den Tagen vor der legendären Schwarzenbach- Abstimmung vom 7. Juni 1970 und erzählt vom spannungsgeladenen Zusammenleben zwischen Schweizern und italienischen Gastarbeitern.
Juni 1970, ein Dorf in der Deutschschweiz. Die Abstimmung über die sogenannte Überfremdungsinitiative steht bevor – jenes radikale Volksbegehren, das verlangte, den Ausländeranteil auf zehn Prozent zu beschränken. Bis zu 350000 Menschen hätten die Schweiz verlassen müssen, die meisten davon Italiener.
Er wittert Verschwörung allüberall
Im Zentrum der Handlung steht der junge italienische Fussballer Fortunato Pozzi, Mittelstürmer bei «Hutters Betonwade». Nach einem üblen Foul beim Trainingsmatch landet er mit einer Kopfverletzung im Spital – ausgerechnet Bett an Bett mit dem verbitterten Oskar Scheidegger, Mitglied der Nationalen Aktion und glühender Schwarzenbach-Anhänger. Der eingebürgerte Deutsche Hemmerle und der Vogelkundler Marti vervollständigen die Zimmergemeinschaft.
Während draussen der Abstimmungskampf tobt, entwickelt sich im Krankenzimmer ein Mikrokosmos der gespaltenen Schweiz. Fortunatos temperamentvolle Familie bricht mit Kaninchen-Braten und Wein in die sterile Spitalwelt ein. Die junge Krankenschwester Margot beginnt bei Fortunato Italienisch zu lernen – und verliebt sich. Scheidegger wittert überall «Tschinggen»-Verschwörungen, selbst als sein Kater James verschwindet.
Parallel dazu erzählen vier italienische Emigranten – Gaetano, Cinzia, Salvatore und Rosanna – von ihren Erfahrungen als Fremde in der Schweiz: von der entwürdigenden Kontrolle an der Grenze, vom Heimweh, von Baracken-Unterkünften, vom Sonntagsverbot für Familien, von der Sehnsucht nach dem Geruch der Heimat. Ihre Geschichten, eingewoben in die Haupthandlung, geben dem Stück dokumentarische Tiefe.
Italienische Schlager und Schweizer Spottlieder
Am Abstimmungssonntag fällt nicht nur der politische Entscheid. Es ist auch Grümpelturnier-Final: «Hutters Betonwade » gegen «Fricks Panzerknacker». Doch kann Fortunato überhaupt spielen? Ein eifersüchtiger Arzt und ein Zwillingsbruder treiben die Verwicklungen auf die Spitze.
Musik durchzieht das Stück wie ein roter Faden. Das ironische Spottlied «I bin en Italiano» kontrastiert mit sehnsüchtigen Emigrantenballaden und Schlagern wie «Quando Quando Quando» oder «Come Prima». Dazwischen erklingt «Kuckuck, Kuckuck, rufts aus dem Wald» – im Stück eine bittere Metapher für die angebliche «Überfremdung». Ein Chor begleitet die Szenen summend und singend.
Authentische Stimmen aus der Zeit
Adrian Meyer, geboren 1956 in Muri AG, hat für sein Stück intensiv recherchiert. In den Text eingewoben sind Originalzitate des damaligen Berner Fremdenpolizei- Chefs Marc Virot, der 1968 in seinem Buch «Vom Anderssein zur Assimilation» genaue Vorstellungen formulierte, wie sich Ausländer zu verhalten hätten: nicht grölen, nicht betrinken, im Kino nicht laut kommentieren, Frauen nicht belästigen. Ein «kleingewachsener, schwarzhaariger und krausköpfiger Kalabrese », so Virot, könne «von uns nur schwerlich als zukünftiger Schweizer betrachtet werden».
Diese historischen Dokumente durchbrechen die Komödienhandlung und erinnern daran, dass der alltägliche Rassismus jener Jahre kein Theaterstoff ist, sondern bittere Realität war.
Ein direkter Bezug zu Balsthal
Für die Balsthaler Produktion wird Regisseur Ueli Blum, Träger des Theaterpreises des Kantons Solothurn 2022, das Stück behutsam adaptieren und regionale Bezüge einarbeiten. Im Rahmen des Castings wurden erste Geschichten von Italienerinnen und Italienern aus der Region gesammelt, die einen direkten Bezug zu Balsthal haben. Diese authentischen Stimmen sollen in die Inszenierung einfliessen. Blum führte bereits bei «Happy Family» im Herbst 2024 erfolgreich Regie in Balsthal.
Aus der Geschichte etwas gelernt?
55 Jahre nach der knappen Ablehnung der Schwarzenbach-Initiative – 54 Prozent Nein bei einer Rekordbeteiligung von 74 Prozent – hat das Thema nichts von seiner Aktualität verloren. Das Stück erinnert daran, dass die heute so selbstverständlich zur Schweiz gehörenden Italienerinnen und Italiener einst als «Tschinggen» oder «Messerstecher» beschimpft wurden – und fragt leise, ob wir aus der Geschichte gelernt haben.
Die meisten Rollen wurden besetzt. Gesucht wird eine Schauspielerin mit italienischem Akzent, um das Ensemble zu vervollständigen. Interessierte melden sich unter info@dlg-balsthal.ch. Die Aufführungen finden im Oktober im Kultursaal Haulismatt statt.
Alles Infos: www.dlg-balsthal.ch
