Ich musste dieser Tage viel an das allerletzte Gespräch mit meiner Grossmutter denken. Sie erzählte mir dabei von ihrem Vater. Der «Lutter Sepp» starb früh. Und sein Dorfname sagt auch, weshalb dem so war. Mein Urgrossvater war dem klaren (sprich: destillierten) Wasser sehr zugeneigt.
Mein Grosi erzählte von Sepps letzten Tagen. Von einem nicht mehr enden wollenden Wahn, von der Pein von Dämonen, die sich in seinem Kopf eingenistet hatten, von Schmerzen, die ein Weiterleben schlicht unmöglich machten. In dieser Zeit soll sein Chef jeden Tag die Familie des Leidenden besucht haben. Sie erzählte, wie der gute Patron der Familie zusprach, wie er Sepp zu beruhigen versuchte, wie er in brüderlicher Fürsorge zu helfen versuchte, wie man halt noch helfen konnte.
Nun führen Wohn- und Resozialisierungsprojekte in unserer Region dieser Tage zu Diskussionen. Es liegt mir fern, diese oder deren Umstände zu kommentieren, zumal ich gut reden kann aus der Entfernung. Aber das Vermächtnis meines Urgrossvaters und vor allem seines Chefs, an mich weitergegeben in den letzten Worten, die ich von meiner Grossmutter vernahm, möchte ich hier einfach deponiert haben: Suchtkranke gab es schon vor langer Zeit und es wird sie noch lange geben. Sie sind eine Realität, und wir müssen mit ihnen umgehen. Das wird nicht gelingen, wenn wir sie ausblenden und sie – weil angeblich gefährlich – noch weiter an den Rand drängen. Es gelingt uns, wenn wir sie so anschauen, wie der Chef den Lutter Sepp angeschaut hat: Als armi Cheibe zwar, aber auch als Menschen mit der Würde eines jeden Menschen.
