Joel Wenger, seit knapp zwei Jahren Präsident der Spitex Gäu
Er hat gemeinsam mit dem Vorstand und der Geschäftsführung sowie unter Einbezug der Vertragsgemeinden eine neue Strategie entwickelt: Joel Wenger, seit knapp zwei Jahren Präsident der Spitex Gäu.

Die Strategie trägt Früchte

Die Spitex Gäu im täglichen Balanceakt zwischen Qualitätsanspruch und Kosteneffizienz

2026 könnte die Spitex Gäu erstmals seit längerer Zeit wieder schwarze Zahlen schreiben. Es ist dies das Resultat einer vielschichtigen Strategie, die in den vergangenen zwei Jahren unter Präsident Joel Wenger erarbeitet und umgesetzt wurde. Was bleibt, ist der tägliche Balanceakt zwischen hoher Qualität, guter Dienstleistung und Kosteneffizienz. «Das ist kein Widerspruch, aber eine echte Herausforderung», sagt Wenger.

Bei seinem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren als Präsident der Spitex Gäu sprach Joel Wenger unverblümt davon, die grösste Spitexorganisation im Kanton Solothurn auf verschiedenen Ebenen weiterentwickeln zu wollen. Just die zahlreichen strategischen Herausforderungen, Fragen auf betriebswirtschaftlicher und rechtlicher Ebene sowie der Umstand, dass es sich bei der Spitex Gäu um eine «gesellschaftlich relevante Organisation» handelt, wie er sagt, reizten den Betriebsökonomen. Das notwendige Rüstzeug brachte er auch als ehemaliger Unternehmensentwickler einer Unternehmensgruppe, die private Spitexorganisationen betreibt, mit. «Ich mache diese Aufgabe sehr gerne», sagt er heute. Eine Aufgabe, die laut eigener Aussage übers Jahr gesehen einem 15- bis 20-Prozent-Pensum entspricht. Wenger arbeitet Vollzeit als Stabschef beim Amt für Verkehr und Tiefbau.

Gemeinsam mit dem Vorstand, der Geschäftsführung und unter Einbezug der Vertragsgemeinden – Oensingen, Egerkingen, Härkingen, Neuendorf, Niederbuchsiten, Oberbuchsiten und seit Anfang dieses Jahres auch Gunzgen und Kappel – hat der 35-Jährige eine neue Strategie entwickelt – und zuallererst definiert, was die Spitex Gäu priorisiert und welche Dienstleistungen sie nicht anbietet. Und siehe da: Nach Jahren der Defizite budgetiert der Verein für 2026 unter den aktuellen Annahmen schwarze Zahlen. Wie ist ihm dieser Turnaround gelungen?

Optimierung der Wegzeiten als grösster Hebel
Zentraler Teil des Massnahmenplans auf monetärer Ebene waren eine Produktivitätssteigerung und der Verzicht auf den Erfahrungsstufenanstieg für das Jahr 2025. Letzteres hat beim Personal keine Jubelorgien ausgelöst, das Resultat indes gibt dem Präsidenten recht. Es sei ein Vorurteil, betont er, dass Spitexorganisationen nicht effizient mit Ressourcen umgingen und ganz generell zu teuer seien. Bei der Spitex Gäu lege man grossen Wert darauf, die Balance zu halten zwischen hoher Qualität, guter Dienstleistung und Kosteneffizienz. «Das ist kein Widerspruch», betont er. «Aber durchaus ein Balanceakt und eine Herausforderung.»

Den Fokus legt er in seiner Strategie nicht auf operative Eingriffe, sondern auf Steuerung, mit klar definierten Kennzahlen als Jahresziel, welche die Geschäftsführung erreichen muss. Deren Sache ist es auch, die Massnahmen einzuleiten. Der grösste Hebel, um Kosten zu sparen, sind die Wegzeiten. «Wir streben geografisch sinnvolle Einsätze an und versuchen, Totzeiten zu eliminieren und Wegzeiten so schlank wie möglich zu halten», erklärt Wenger. Um anzufügen, die Verkehrszunahme im Gäu mache es nicht eben einfacher, diese Vorgabe einzuhalten.

Mit 138 Mitarbeitenden ist die Spitex Gäu personell und auch stundenmässig die grösste Spitexorganisation im Kanton Solothurn. «Wir sind bezüglich Vollkosten aber im kantonalen Schnitt – das wollen wir unbedingt halten», sagt Wenger. Sowieso seien die Kosten im Gesundheitswesen eine Diskussion auf politischer Ebene, seine Organisation habe das Beste aus den Rahmenbedingungen zu machen. Den Austausch mit den kantonalen Behörden bezeichnet er als «grundsätzlich gut». Ganz generell glaubt der liberale Geist, der in der FDP Oensingen politisiert, an den freien Markt. «Ich glaube aber nicht, dass der Markt in allen Bereichen alles effizient regelt.»

Integration von Kappel und Gunzgen verlief reibungslos
Teil der unter seiner Führung erarbeiteten Strategie ist es auch, zu wachsen. Das hilft, die Fixkosten auf eine breitere Leistungsbasis zu verteilen und so die Kosteneffizienz zu sichern. Seit Anfang Jahr sind die Gemeinden Kappel und Gunzgen Teil des Versorgungsgebietes, die Integration verlief laut Joel Wenger reibungslos, die Zusammenarbeit sei gut angelaufen. Er betont: «Die Spitex Gäu will nicht um jeden Preis wachsen, aber wir möchten unser Gebiet gerne dort erweitern, wo es sinnvoll ist.» Im Gespräch sei man immer, aktuell seien aber keine weiteren Fusionsprojekte spruchreif.

Strategisch relevant war auch die Organisation der Senioren- und Gesundheitsmesse im vergangenen Jahr im Oensinger Bienkensaal. «Ein Erfolg», wie er bilanziert. Gut möglich deshalb, dass eine Neuauflage im kommenden Jahr zum Thema werden könnte.

Betriebsintern wurden Compliancelücken geschlossen, will heissen: Die Kompetenzen innerhalb der Organisation wurden klar definiert und eine eindeutige Trennung zwischen strategischer und operativer Leitung vorgenommen. Ebenso wurde ein Reglement für die Verwendung von Spenden und nicht zweckgebundenen Legaten ausgearbeitet. Der Präsident: «Wir wollen transparent sein in der Verwendung der uns anvertrauten Gelder.»

Als Ausbildnerin in der Verantwortung
Deutlich verstärkt im Rahmen des Massnahmenplans wurden die Aktivitäten der Organisation in den sozialen Medien. «Wir sind nun viel präsenter, auch als Arbeitgebermarke», bekräftigt Joel Wenger. Durchaus mit Absicht, ist doch die Spitex Gäu sehr aktiv als Ausbildnerin tätig. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels auch in der Pflege sieht er seinen Verein in der Verantwortung für die Region, selbst Personal auszubilden oder eine Weiterbildung via Höhere Fachschule zu unterstützen. Man habe dies schon vor seiner Zeit getan, sagt er, wenn die Spitex Gäu Entwicklungsmöglichkeiten biete, mache sie dies auch als Arbeitgeberin sehr attraktiv. «Das kostet zwar, ist aber die beste Investition in die Zukunft.»

Aktuell kein Thema ist die Angehörigenpflege. Ein Feld, welches andere Spitex-organisationen aktiv bewirtschaften. Es sei ein Grundsatzentscheid, sagt Wenger. Die Thematik sei enorm wichtig, aber man habe entschieden, die Gelder anderweitig einzusetzen. Angehörigenpflege sei organisatorisch «enorm anspruchsvoll» und objektiv nur bedingt messbar. Zudem wolle man die Auftraggebergemeinden, welche neben den Krankenkassen und der Patientenbeteiligung die Restkosten tragen, nicht zusätzlich belasten – insbesondere in einem Bereich, der nur begrenzt überprüfbar ist und ein entsprechendes Fehlanreizpotenzial birgt. «Wir setzen uns mit viel Engagement und Herzblut für unsere Kundinnen und Kunden ein – dann ist auch ihren Angehörigen geholfen und sie werden bestmöglich entlastet.»

Ein Kränzchen für die Mitarbeitenden
Wo steht die Spitex Gäu in zehn Jahren? Joel Wenger hat die Vision eines grösseren Versorgungsgebietes, mit einigen Gemeinden mehr. Man wolle kosteneffizient arbeiten und gleichzeitig führend sein bezüglich Dienstleistungen. Die Zusammenarbeit mit Partnern in der Region wie beispielsweise den Alterszentren Gäu (GAG) möchte er vertiefen. Diesbezüglich bringe die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen in der Schweiz mehr Zusammenarbeitsmöglichkeiten.

«Ich möchte gerne an vorderster Front miterleben, wie sich unsere Organisation entwickelt», bekräftigt er seine Motivation, die strategischen Geschicke des Vereins noch einige Zeit zu verantworten. Dies auch vor dem Hintergrund, dass er die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden auf allen Stufen sehr schätzt – «ich kann ihnen wirklich allen ein Kränzchen winden.» Einerseits für den jederzeit offenen und durchaus auch kritischen Austausch gerade auch im vergangenen Strategieprozess, der «sehr erwünscht» sei. Andererseits spricht er auch von einer grossen Wertschätzung gegenüber dem Personal vor Ort, bei den Menschen. «Wir erhalten zahlreiche Rückmeldungen, dass unsere Mitarbeitenden einen tollen Job machen und ebenso professionell wie auch empathisch arbeiten.»

www.spitex-gaeu.ch

Text & Bild: Wolfgang Niklaus