Mit der Mitte Oktober erstmals stattfindenden Palliative Care Woche wollen die Verantwortlichen informieren und sensibilisieren und auf diese Weise Ängste abbauen, wenn es um das Thema Sterben geht. Der Anzeiger hat zwei führende Köpfe der Eventwoche in Olten und Solothurn interviewt.
Herr Jungi, schlafen Sie in der Regel gut?
Manuel Jungi: Ja, das tue ich, und dies auch während der heissen Temperaturen im Sommer. Falls Ihre Frage auf meine Arbeit abzielt …
… genau das tut sie.
Jungi: Ich kann gut abschalten und loslassen. Das ist wichtig. Wenn man dies in meinem Job nicht schafft, würde man daran wahrscheinlich zerbrechen.
Wie gelingt Ihnen das? Sie sind seit 14 Jahren Leitender Arzt der Palliativstation KSO. Sterbende Menschen zu begleiten, ist Ihr Alltag.
Jungi: Es sind zum Glück nicht nur Sterbende, vor allem aber tue ich dies nicht isoliert, sondern im Team. Wir ergänzen uns, tauschen uns aus und finden gemeinsam Entscheidungen – auch wenn ich letztlich der Verantwortliche bin. Die Pflege unterstützt mich und ich unterstütze die Pflege. Das ermöglicht es mir, die Arbeit auszuhalten.
Auf Ihrer Station redet man also speziell viel miteinander?
Jungi: Es gibt die regulären Visiten, einmal wöchentlich haben wir einen interdisziplinären Rapport, bei dem auch andere Therapeutendisziplinen mit dabei sind. Es wird jeder Patient und jede Patientin besprochen, man hört sich die Meinungen der anderen an und bespricht ein mögliches weiteres Vorgehen, wenn man unsicher sein sollte. Das hilft. Wichtig ist aber auch, dass man sich immer bewusst ist, was alles an Gutem man tut und man sich daran aufbauen kann.
Hatten Sie diese Fähigkeit, auch das Gute mitzunehmen, schon immer? Oder mussten Sie das erst lernen?
Jungi: Das muss man grundsätzlich in der Arzttätigkeit lernen. Es fängt als Assistent im Notfall oder auf einer Intensivstation an. Die Schichtdienste im Notfall haben mir geholfen: Die Schicht ist fertig, also kann ich es abgeben. Das ist schon nicht eins zu eins mit der Palliativstation vergleichbar, aber mir hilft es, wenn ich am Abend meine Spitalkleider aus- und meine privaten Kleider anziehe. Dann bin ich wieder in meiner privaten Rolle.
Frau Mackuth, Sie kennen dieses Gefühl auch, wenn auch nicht von Seiten Palliativstation her.
Cornelia Mackuth: Ich bin schon nicht ganz so nahe dran. Aber ich habe ab und zu Anrufe von Angehörigen oder Betroffenen, mich treibt es dann halt mehr um, wenn ich sehe: da ist immer noch eine Lücke in der Versorgung! Grundsätzlich kann ich mich sehr gut an der Sinnhaftigkeit meines Tuns orientieren. Wenn ich gar nicht schlafen kann, gehe ich mit unserem Hund spazieren. Das hilft mir, in eine Ruhe zu kommen.
Im Oktober findet erstmals im Kanton Solothurn eine Palliative Care Woche statt. Weshalb diese Woche?
Mackuth: Wir möchten in der Bevölkerung noch mehr wahrgenommen werden. Wir möchten mit dem Palliativ-Thema zu Diskussionen über die Schwierigkeiten am Ende des Lebens anregen, am besten in Familie und Gesellschaft. Man kann nicht alles planen, aber vieles im Vorfeld besprechen. Ich bin sicher: Das hilft.
Jungi: Die Thematik sichtbar machen ist ein Anliegen. Es geht auch darum, Ängste abzubauen, Sterben ist ein tabubehaftetes Thema. Viele können sich gar nichts unter «palliativ» vorstellen. Wenn es uns gelingt, zu zeigen, was das alles beinhaltet, gelingt es uns hoffentlich auch, gewisse Unsicherheiten zu beseitigen.
Wie gehen Sie das in besagter Woche an?
Mackuth: Indem wir gewisse Themen konkret ansprechen. Das Thematisieren mit Kindern ist wichtig. Auch mit den Filmen möchten wir dazu anregen, zu diskutieren und selbst kreativ zu sein.
Jungi: Wir wollen zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, mit dem Thema umzugehen, dass man nicht alleingelassen wird. Es ist wichtig zu wissen, dass man Hilfe bekommt, dass es Anlaufstellen gibt.
Mackuth: Ich glaube, es ist uns gelungen, ein Programm sowohl für die Bevölkerung als auch für Fachleute zu realisieren – umso schöner, wenn wir beide zusammenführen können. Für unsere Premierenwoche haben wir aus der grossen Palette im Bereich «palliativ» einen Themenschwerpunkt ausgewählt: das Sterben daheim. Da liegt unser Fokus auf der Zusammenarbeit mit der Spitex oder mit Freiwilligendiensten, die daheim mithelfen und unterstützen. Es geht auch darum, in welcher Form wir als Gesellschaft gefordert sind.
Jungi: Mit der spezialisierten Palliativstation im Kantonsspital Olten sind wir gut aufgestellt. Aber im ambulanten Bereich gibt es noch Lücken. Durch das Bekanntmachen und Bewusstmachen hoffen wir, dass diese Lücken weniger werden.
Wie entstand die Idee zu dieser Woche?
Jungi: Aus dem Vorstand von palliative so entstand der Wunsch, etwas Grösseres zu realisieren, dem Thema mehr Gewicht zu geben.
Mackuth: Der Verein hat von Seiten der soH ein Mandat und den Auftrag, zu informieren. Die Letzte Hilfe Kurse, die wir seit 2022 durchführen, haben sich bewährt, auch haben wir immer wieder hier oder dort informiert. Mit der Durchführung der Palliative Care Woche wollen wir nun die Inhalte bündeln und koordiniert einen Schritt nach vorne machen.
Jungi: Genau, bisher haben wir immer punktuell Interesse für unsere Arbeit und unsere Inhalte geweckt. Jetzt tun wir dies konzentriert, und das ist die grosse Chance dieser Woche: Interessierte können sich aussuchen, wann sie vorbeikommen wollen, die Wanderausstellung kann man die ganze Zeit besuchen. Ich bin überzeugt: das Interesse wird gross sein! Vor vier Jahren haben wir beim KSO zwischen den Bäumen ein paar Marktstände und einen Büchertisch aufgestellt und gezeigt, was wir tun. Die PR-Abteilung hatte Bedenken, ob jemand kommt – und wie die Leute gekommen sind!
Sie präsidieren den Verein palliative so seit neun Jahren, Herr Jungi: Wo steht er?
Jungi: Wir haben sicherlich viel Gutes erreicht. Ab und zu stossen wir auch an Grenzen, aber dann gilt es, Neues in Angriff zu nehmen.
Mackuth: Wir stossen an Grenzen, weil wir auf politischer Ebene gestoppt werden, das ist mir schon wichtig. Stichwort: Versorgungslücke!
Jungi: Ich hoffe, dass der eine oder andere Politiker die Palliative Care Woche besucht und sich auf die Thematik einlässt. Dann wird er oder sie merken, wo noch Bedarf besteht. Es wäre wichtig, diese Diskussion zu führen!
Besteht nicht generell die Gefahr, dass sich Personen auf die Thematik einlassen, die sowieso schon Bescheid wissen?
Mackuth: Ich glaube, weil wir viele verschiedene Veranstaltungen anbieten und die Affiche etwas anonymer ist, bietet es auch Raum, sich nicht explizit zeigen zu müssen als Besucherin und als Besucher.
Jungi: Ich glaube auch, dass wir es mit unserem niederschwelligen Angebot ermöglichen, in das Thema einzusteigen. Es gibt immer einen Anteil an Menschen, die mit einem etwas mulmigen Gefühl kommen – und die im Nachgang sagen, der Besuch habe ihnen geholfen, jetzt könnten sie die Thematik einordnen. Es gehe um viel mehr als «nur» sterben …
Wie sind Sie in dieser Woche präsent?
Mackuth: Der ganze Vorstand ist involviert, sei es im Rahmen der Wanderausstellung, bei der Begrüssung oder an einer der Veranstaltungen. Man wird mich in dieser Woche jeweils vor Ort treffen.
Jungi: Eine tägliche Präsenz wird mir nicht möglich sein, aber sicherlich an der Eröffnung und auch an der Fachtagung bin ich dabei. Und punktuell, wenn immer möglich auch mal ein, zwei Stunden zwischendurch, ich möchte die Veranstaltung gerne «spüren».
Gerade der Kubus vor der Stadtkirche, wo alle ihre letzten Wünsche niederschreiben können, ist ja eine tolle, publikumswirksame Geschichte.
Mackuth: Genau! Es ist auch grossartig, wie die Christkatholische Kirche da mitmacht. Oder wie der Verein Kino Lichtspiele die Vorführungen mitträgt. Das hilft sehr.
Während der ganzen Woche ist in der Stadtkirche eine Wanderausstellung zu sehen. Was ist das Spezielle daran?
Mackuth: Wir wollen wirklich die Situation vom «Daheim sterben» aufzeigen – also: Wen braucht es im Netzwerk? Wen kann man kontaktieren? Wir geben den Spitexorganisationen die Möglichkeit, sich zu zeigen und zu informieren. Angehörige sollen nützliche Informationen erhalten: Wo kann ich anrufen? Was alles kann auf mich zukommen? An der Ausstellung läuft ein Film, vormittags und nachmittags wird während zwei Stunden eine Fachperson vor Ort anwesend sein, die man direkt ansprechen kann.
Worauf freuen Sie persönlich sich in der Themenwoche am meisten?
Jungi: Aufs Ganze. Mein Highlight ist, wenn es losgeht. Wenn ich am Schluss der Woche immer noch gut drauf bin, dann hat die Palliative Care Woche 2026 ihren Zweck vollauf erfüllt.
Mackuth: Mein Pädiatrieherz schlägt halt schon immer noch – ich freue mich auf die interaktive Buchlesung. Kinder sind auch involviert, wenn Erwachsene sterben. Dass wir eine Sprache finden, sie zu begleiten, ihnen in aller Offenheit vorzuleben, wie sie mit der Situation umgehen könnten, ist enorm wichtig und hilfreich.
Wann sind Sie beide am Abend des 17. Oktober zufrieden?
Jungi: Wenn man merkt: Die Besucherinnen und Besucher waren interessiert, wir konnten etwas vermitteln, unser Angebot kam gut an.
Mackuth: Das ist der Gradmesser: Erreichen wir die Menschen? Ich bin zufrieden, wenn es uns gelingt, mit ihnen in die Diskussion zu kommen. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies gelingt.
Ein Schlusswort noch?
Jungi: Seid neugierig, lasst euch inspirieren, kommt vorbei …
Mackuth: … und bildet euch eine eigene Meinung und Haltung.
Alle Infos: www.palliative-so.ch
Zwei Engagierte an vorderster Front
Seit 14 Jahren ist Dr. med. Manuel Jungi als Leitender Arzt der Palliativstation im Kantonsspital Olten tätig, seit neun Jahren präsidiert er den Verein palliative so. Er sei «sanft in dieses Amt gestossen worden», sagt Jungi, wobei es von der soH schon auch erwünscht sei, dass er in seiner Funktion im KSO auch Teil des Vereinsvorstandes ist. Eine Doppelrolle, die er gerne ausfüllt, auch wenn sie nicht immer ganz einfach sei, wie er sagt. «Für uns ist er als Präsident ein Gewinn, wir sind froh», betont Cornelia Mackuth-Wicki. Die Pflegeexpertin BScN aus Trimbach ist seit vier Jahren Leiterin Geschäfts- und Koordinationsstelle des Vereins palliative so.
Für beide ist klar, dass die Premiere der Palliative Care Woche im Oktober erst einmal ausgewertet werden muss. Aber bei gutem Gelingen und entsprechender Resonanz sollen weitere Eventwochen folgen – mit neuem Schwerpunkt und in einer anderen Versorgungsregion des Kantons Solothurn.
Über das «Sterben daheim» reden
Vom 10. bis 17. Oktober findet die Kantonale Palliative Care Woche 2026 statt. Der Verein palliative so lädt die Bevölkerung mit einem vielfältigen Angebot in Olten und Solothurn dazu ein, sich mit dem Thema Tod und speziell mit dem «Sterben daheim» auseinanderzusetzen. Die Eventwoche soll informieren, zum offenen Austausch einladen und helfen, Berührungsängste abzubauen.
Mit der Wanderausstellung «Zuhause sterben» wird der Bevölkerung während der ganzen Woche eine Annäherung und eine Auseinandersetzung mit der Thematik ermöglicht. Während der gesamten Woche wird vor der Oltner Stadtkirche ausserdem der Kubus «Bevor ich sterbe …» stehen. Jede und jeder ist eingeladen, vor Ort die Antwort auf genau diese Frage zu geben und über das eigene Lebensende, die persönlichen Ziele und Wünsche, nachzudenken.