Institution Lilith in Oberbuchsiten
Die beiden Co-Leiterinnen Nicole Brodbeck (links) und Fanny Schläppi vor dem nicht mehr sanierungsfähigen Hausteil (links) in der Institution Lilith in Oberbuchsiten.

Neues Haus, doch die Platznot bleibt

Die Institution Lilith in Oberbuchsiten konnte kürzlich ihr 30-jähriges Bestehen feiern

Seit 30 Jahren begleitet die Institution Lilith in Oberbuchsiten Frauen mit Suchterkrankungen, auch gemeinsam mit ihren Kindern. In naher Zukunft soll für knapp 3,9 Millionen Franken ein neues Haus entstehen. Eine grosse Sorge der Co-Leiterinnen Nicole Brodbeck und Fanny Schläppi bleibt aber: In den vergangenen zwei Jahren konnte Lilith nur etwa jede zwanzigste anfragende Frau aufnehmen. «Das ist enorm wenig und beschäftigt mich sehr», bedauert Nicole Brodbeck. Auch der geplante Neubau wird die Platznot kaum lindern. Er ersetzt ein veraltetes Haus und soll den Alltag für alle verbessern.

Derzeit leben 14 Frauen und zwölf Kinder auf dem Areal. Auf der Warteliste vergehen sechs bis neun Monate, bis eine Anfrage wieder an die Reihe kommt. Anfang September griffen die Leiterinnen erst Gesuche vom Februar auf. Eine Aufnahme ist dann noch keineswegs sicher. Im Durchschnitt bleiben die Frauen anderthalb Jahre. Bei freien Plätzen werden Anfragen aus dem Kanton Solothurn tendenziell bevorzugt. Auch die Zusammensetzung der Wohngruppe zählt: Psychische Belastungen und Diagnosen können das Zusammenleben erschweren. «Wenn ich eine von zwanzig aufnehmen kann, welche nehme ich dann?», fragt Brodbeck. Einen solchen Auswahlprozess möchte sie eigentlich nicht machen müssen.

Jede Anfrage eine eigene Geschichte
Anfragen kommen von Behörden und Beiständen, aus Entzugskliniken und seltener von Frauen selbst. Hinter jeder Anfrage steht eine eigene Geschichte, häufig auch die Frage, ob Mutter und Kind zusammenbleiben können. Besonders heikel wird es bei drohender Fremdplatzierung eines Kindes. Könnte eine Mutter gleich nach dem Entzug eintreten, liesse sich die Trennung unter Umständen verhindern, erklärt Fanny Schläppi. Doch ein freier Platz lässt sich nicht auf den dringend benötigten Zeitpunkt hin planen.
Für die grosse Nachfrage sehen die Leiterinnen mehrere Gründe: Im Kanton Bern fiel beispielsweise ein ähnliches Angebot ersatzlos weg. Psychische Belastungen nähmen aber generell zu, sind sich die beiden einig. Nach Brodbecks Kenntnis gibt es in der Deutschschweiz kein zweites frauenspezifisches Angebot, das Suchttherapie und gemeinsames Wohnen mit Kindern in dieser Form verbindet. Andere Mutter-Kind-Häuser nehmen suchtbetroffene Frauen häufig gar nicht auf. Ob Abgewiesene anderswo Hilfe finden, weiss Lilith nicht. Diese Ungewissheit beschäftigt die Leiterinnen immer wieder.

Ein Ersatz, keine Erweiterung
Der Neubau kann diese Lücke nicht schliessen. Eines der drei Häuser ist nicht mehr sanierungsfähig und muss ersetzt werden. Das Areal wird nicht grösser, die geplanten Klientinnen-Zimmer sind aber flexibler nutzbar. Davon erhoffen sich die Leiterinnen mehr Spielraum für individuelle Bedürfnisse und Flexibilität bei der Zusammensetzung der Wohngemeinschaft. «Es geht nicht um Wachstum», betont Schläppi, «sondern darum, das Angebot zukunftsfähig zu machen.»

Für Brodbeck bedeutet der Ersatzneubau Aufbruch. 2019 stand Lilith nach finanziellen Schwierigkeiten und Wechseln in der Geschäftsleitung kurz vor der Schliessung. Ein zinsloses Darlehen einer anderen Institution sicherte das Weiterbestehen. Seither erholte sich Lilith und die heutigen Co-Leiterinnen bauten den Betrieb wieder auf. Dass das Projekt nun möglich wird, macht beide stolz. Nicole Brodbeck spricht von einem «grossen Abenteuer» und einem neuen Mittelpunkt für das Areal.

Geplante Änderungen
Im heutigen Haus sind die Zimmer zu klein, das Gebäude ist nicht hindernisfrei und die Küche genügt den Vorgaben des Lebensmittelinspektorats nicht mehr. Brodbeck erklärt, wie der Neubau den Alltag verändern soll: Eine Alltagsküche wird durch eine Profiküche ergänzt. Frauen können professionelle Geräte kennenlernen und zugleich das Kochen für zu Hause üben. Im Untergeschoss ist ein schalldichter Raum für Musik- und Bewegungstherapie geplant.

Besonders wichtig sind Brodbeck zwei Studiowohnungen im obersten Stock. Der Schritt vom betreuten Einzelzimmer direkt in eine eigene Drei- oder Vierzimmerwohnung überfordert manche Frauen. In den Studios sollen sie selbstständiges Wohnen und Haushaltsführung zunächst im kleinen Rahmen üben können. So entsteht ein Zwischenschritt auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Der Entscheid für einen Holzbau ist gefallen. Zurzeit werden Detailpläne und Kostenvoranschlag überarbeitet und bis Ende Jahr soll das Baugesuch eingereicht werden. Läuft alles nach Plan, könnte das bestehende Haus im Sommer 2027 abgebrochen und danach mit dem Bau begonnen werden.

Es fehlen rund 500’000 Franken
Der Kostenvoranschlag beträgt 3,87 Millionen Franken. Am 8. September lagen Spendenzusagen von 1,594 Millionen Franken vor, darunter 300’000 Franken, die noch nicht schriftlich bestätigt waren. Laut Brodbeck fehlen für eine «sorgenfreie Finanzierung» noch rund 500’000 Franken, die übrigen Kosten würden teils über Hypotheken gedeckt. Je mehr Spenden zusammenkommen, desto niedriger sei die spätere Belastung. Damit bliebe mehr Geld für die Begleitung der Frauen und Kinder.

Lärm und Enge werden zum Problem
Eine weitere Sorge gilt der Bauzeit. Abbruch und Neubau finden mitten auf dem bewohnten Areal statt. Lärm und Enge treffen also Menschen, die einen geschützten Ort und Ruhe brauchen. Die Leiterinnen wollen möglichst viele Plätze offenhalten, müssen frei werdende Zimmer aber allenfalls vorübergehend unbelegt lassen. Das Team bereitet sich auf die kommenden zusätzlichen Belastungen vor. Ob alle Bewohnerinnen weiterhin an ihren Zielen arbeiten können, werde sich erst noch zeigen, gibt Brodbeck zu bedenken.

Die ursprüngliche Idee bewahren
Seit der Gründung gehört zu Lilith, dass Frauen Behandlung und Zusammenleben mit ihren Kindern verbinden können. Nicole Brodbeck berührt es, wenn sie sieht, wie Kinder in sicherem Umfeld aufblühen und die Bindung zur Mutter stabiler wird. Die Kinder seien oft eine starke Motivation, abstinent zu werden und zu bleiben. Frauen zu stärken und auf Augenhöhe zu begleiten, das soll der Kern bleiben.

Es braucht zusätzliche Möglichkeiten
Doch bessere Räume ersetzen keine fehlenden Plätze. Beide Leiterinnen wünschen sich, dass die Finanzierung solcher Angebote als gesellschaftliche Aufgabe diskutiert und die politischen Grundlagen verbessert werden. Für die vielen Frauen, denen Lilith absagen muss, brauche es zusätzliche Möglichkeiten an anderen Orten. Mit dem Ersatzneubau in Oberbuchsiten allein werde sich dieses Problem nicht lösen lassen.

Für mehr Infos und Spenden:
www.liliththerapie.ch


30 Jahre Lilith:
Von der Pionieridee zur etablierten Institution

Die Geschichte der Institution Lilith begann 1996 mit einer Diplomarbeit von Lis Misteli. Gemeinsam mit sechs weiteren Gründungsmitgliedern schuf sie in Oberbuchsiten ein Angebot für suchtbetroffene Frauen, die ihre Kinder mitbringen konnten. Das war damals in der Schweiz neu. Der Start verlief schwierig: Der jungen Institution wurde ein baldiges Ende vorausgesagt. Doch bereits nach dem ersten Jahr waren alle Plätze belegt.

Misteli leitete Lilith fast 20 Jahre. Von Beginn an setzte die Institution auf Geduld und individuelle Begleitung, auch wenn Bewohnerinnen Rückschläge erlebten. Mit den Jahren wurde das Angebot ausgebaut und weiterentwickelt. Der Kindesschutz rückte stärker in den Mittelpunkt, ebenso die Betreuung von Frauen, die neben einer Suchterkrankung weitere psychische Belastungen mitbringen.

Nachdem die Lilith in finanzielle Schwierigkeiten geriet und es mehrere Wechsel in der Geschäftsleitung gab, konnte 2019 eine Schliessung nur knapp abgewendet werden. Ein zinsloses Darlehen einer anderen Institution sicherte das Weiterbestehen. Heute führen Nicole Brodbeck und Fanny Schläppi die Einrichtung gemeinsam. Das 30-Jahr-Jubiläum feierte Lilith Ende August dieses Jahres.

Text & Bild: André Albrecht