Seit Februar dieses Jahres bieten die drei Landeskirchen für die Bezirke Olten, Gösgen und Gäu eine ökumenische Sozialberatung an. Betrieben wird sie von der Caritas Solothurn. Die beiden Sozialarbeiterinnen Tina Flückiger und Deborah Treier erzählen im Interview von ihren Erfahrungen.
Wie viele Beratungen hatten Sie seit dem Start der ökumenischen Sozialberatung?
Tina Flückiger: Seit dem Start kommen pro Monat rund 40 Personen zu uns. Mit knapp zwei Dritteln von ihnen führten wir eine Kurzberatung von bis zu einer Stunde durch. Bei den anderen Klientinnen und Klienten war der Aufwand grösser oder es brauchte mehrere Gespräche.
Entspricht die Anzahl Ihren Erwartungen?
Deborah Treier: Wir haben angenommen, dass die Nachfrage höher sein wird als zuletzt bei der Sozialberatung, welche die Römisch-katholische Kirchgemeinde allein angeboten hatte. Doch wir gingen davon aus, dass der Anstieg etwas langsamer erfolgen wird. Dass gleich von Beginn an so viele Menschen zu uns gekommen sind, hat uns überrascht.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Tina Flückiger: Wir haben die neue Sozialberatung im Vorfeld gut beworben und andere Fachstellen in der Region über das neue Angebot informiert. Sie war also zum Start bereits recht bekannt in der Bevölkerung.
Deborah Treier: Die Zahlen zeigen auch, dass der Bedarf nach einer niederschwelligen Sozialberatung im unteren Kantonsteil vorhanden ist und die Menschen das Angebot in Anspruch nehmen. Wir haben hier eine Lücke geschlossen.
Welches waren die häufigsten Themen der Klientinnen und Klienten?
Tina Flückiger: Häufig geht es um finanzielle Themen. Zum einen grössere Rechnungen, die nicht bezahlt werden können, zum anderen aber auch Fixkosten, die das Budget übersteigen. Wohnen ist ebenfalls ein Thema, weswegen Klientinnen und Klienten oft zu uns kommen. Meist sind es Fälle, in denen die Kündigung der Wohnung droht, da die Miete nicht mehr bezahlt werden kann.
Deborah Treier: Finanzieller Druck steht bei den Beratungen meist im Vordergrund. Nicht selten verbergen sich dahinter aber noch andere Themen wie prekäre Lebensumstände, Krankheiten oder die Unterstützung von Familienmitgliedern.
Aus welchen Bevölkerungskreisen stammt die Kundschaft?
Deborah Treier: Das Gros der Klientinnen und Klienten sind so genannte Working Poors, das heisst Menschen, die trotz einer Arbeit finanziell nicht oder kaum über die Runden kommen.
Tina Flückiger: Es finden sich auch immer wieder Personen bei uns ein, die Sozialhilfe beziehen, aber Schwierigkeiten im Umgang mit den Behörden haben. Dann versuchen wir, zwischen den Klientinnen und Klienten sowie der Sozialhilfe zu vermitteln.
Mit welchen Anliegen bin ich bei Ihnen an der falschen Adresse?
Deborah Treier: Wir erbringen keine Leistungen, die von staatlichen Stellen übernommen werden müssen. Es gibt Menschen, die zum Beispiel aus Scham nicht zur Sozialhilfe wollen und uns um eine finanzielle Überbrückung anfragen. Da müssen wir nein sagen, denn Sozialhilfe ist eine staatliche Leistung. Was wir hingegen tun, ist die Menschen bei der Anmeldung zu unterstützen, die komplex und umfangreich ist. Auch Fälle, für die Pro Senectute, Pro Juventute oder Pro Infirmis die richtigen Anlaufstellen sind, müssen wir dorthin weisen.
Wie läuft eine Beratung bei Ihnen ab?
Tina Flückiger: In einem ersten Schritt erfassen wir die Situation einer Person sowie ihr Anliegen und prüfen gemeinsam, welches das wichtigste oder dringlichste Thema ist. Oft sind es mehrere Probleme, die eine Person zu uns führen. Dann geht es darum, die Themen zu sortieren und zu priorisieren. Anschliessend schauen wir Schritt für Schritt, welche Massnahmen der Person weiterhelfen können. Da die Anliegen der Menschen sehr unterschiedlich sind, gibt es keinen eigentlichen Standardablauf. Wir richten uns immer nach den Bedürfnissen und Ressourcen der Klientinnen und Klienten.
Was kostet mich eine Beratung?
Tina Flückiger: Grundsätzlich sind unsere Beratungen für Menschen aus der Region Olten, Gäu und Niederamt kostenlos. Ausgenommen sind Beratungen zu ausländerrechtlichen Themen. Für diesen Bereich haben wir eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Solothurn. Je nach Einkommen kann es sein, dass eine Klientin oder ein Klient zu Fragen wie Aufenthaltsrecht, Familiennachzug oder Einbürgerung einmalig 25 Franken bezahlen muss.
Wenn Sie als Beraterinnen einen Wunsch frei hätten, wie würde er lauten?
Deborah Treier: Ich würde mir wünschen, dass Behörden, die über staatliche Leistungen entscheiden, mehr Zeit hätten für den Menschen, das heisst die Beratung und Begleitung von Klientinnen und Klienten. Dann könnten Notlagen verhindert werden.
Tina Flückiger: Mein Wunsch wäre, dass bei der Inanspruchnahme von staatlichen Leistungen Hürden abgebaut werden könnten und die Menschen die Unterstützung erhalten, die ihnen vom Gesetz her auch zusteht. Fast ein Drittel der Personen, die Anspruch auf eine staatliche Leistung haben, verzichten darauf. Gründe können Scham sein oder weil die Leute es nicht schaffen, die entsprechenden Formulare auszufüllen.
Kirchliche Sozialberatung Olten–Gäu–Niederamt
Engelbergstrasse 25
4600 Olten
Telefon: 062 837 07 12
E-Mail: sozialberatung@caritas-solothurn.ch
Offene Sprechstunde: Montag, 9 bis 11 Uhr, Donnerstag, 15 bis 17 Uhr
Passantenhilfe: Freitag, 10 bis 11 Uhr