Der Oratorienchor Olten stellt am 20. Oktober sein nächstes grosses Konzertprojekt vor. Im Mittelpunkt steht dabei eine Premiere in der mehr als 200-jährigen Geschichte des Chors: Mit Marianna Martines wird erstmals ein grösseres Werk einer Komponistin aufgeführt. Die öffentliche Werkeinführung soll nicht nur auf das Sommernachtskonzert 2027 einstimmen – sondern auch neue Sängerinnen und Sänger neugierig machen.
Zwischen Marianna Martines und dem Oratorienchor Olten liegen mehr als zwei Jahrhunderte – und doch gibt es eine Verbindung: Im Jahr 1812, in dem die Wiener Komponistin starb, wurde in Olten jener Gesangverein gegründet, aus dem der heutige Oratorienchor hervorging. Nächstes Jahr treffen beide musikalisch aufeinander. Bei seinem Sommernachtskonzert im Juni 2027 in der Oltner Friedenskirche wird der Oratorienchor die «Seconda Messa in G-Dur» von Martines aufführen. Für den traditionsreichen Chor eine Premiere: Erstmals in seiner Geschichte steht ein grösseres Werk einer Komponistin auf dem Programm.
Wie jedes Jahr lädt der Oratorienchor zu einer öffentlichen Werkeinführung ein. Seit 2001 steht Christoph Moser am Dirigentenpult des Chors. Am 20. Oktober wird er das neue Programm mit Hintergrundinfos und Tonbeispielen vorstellen.
Eine erfolgreiche Musikerin, die lange aus dem Blick geriet
Im Zentrum des Abends dürfte besonders Marianna Martines stehen. Die 1744 in Wien geborene Komponistin war zugleich Sängerin und Cembalistin und bewegte sich schon früh in den bedeutenden musikalischen Kreisen ihrer Heimatstadt. Zu ihren Lehrern gehörte der junge Joseph Haydn, von dem sie Klavierunterricht erhielt. Martines sang und spielte wiederholt auf Einladung von Kaiserin Maria Theresia am Wiener Hof.
Dass ihr Name heute weit weniger bekannt ist als jener ihrer männlichen Zeitgenossen, täuscht darüber hinweg, welchen Ruf sie zu Lebzeiten genoss. Frauen hatten im professionellen Musikleben des 18. Jahrhunderts erheblich schlechtere Voraussetzungen für eine Karriere. Martines gelang es dennoch, sich als Interpretin und Komponistin einen Namen zu machen. 1773 wurde sie als erste Frau in die renommierte Accademia Filarmonica di Bologna aufgenommen.
Martines steht beim Sommernachtskonzert allerdings nicht allein auf dem Programm. Mit Felix Mendelssohn Bartholdys «Wer nur den lieben Gott lässt walten» erklingt eine Choralkantate aus dem Jahr 1829. Johann Sebastian Bach ist mit «Jauchzet Gott in allen Landen» BWV 51 vertreten. Im Mittelpunkt stehen Sopran und Trompete, begleitet von Streichern und Basso continuo. Den Kreis zu Marianna Martines schliesst ihr einstiger Lehrer Joseph Haydn. Von ihm steht die «Missa brevis in F», auch als Jugendmesse bekannt, auf dem Programm.
Chor sucht neue Stimmen
Der Oratorienchor selbst blickt auf eine aussergewöhnlich lange Geschichte zurück. 1812 gegründet, bezeichnet er sich als höchstwahrscheinlich ältesten gemischten Chor der Schweiz. Doch wie viele klassische Chöre ist er mit Mitgliederschwund und einer zunehmend älteren Mitgliederstruktur konfrontiert. Die Werkeinführung richtet sich darum explizit nicht nur an Stammgäste und Kennerinnen und Kenner der Chormusik. Willkommen sind auch Menschen, die den Chor und sein Programm erst kennenlernen möchten – und vielleicht Lust bekommen, künftig selbst mitzusingen.
Wer sich zunächst einfach ein Bild machen möchte, kann dies am 20. Oktober tun. Vier Komponisten, vier sehr unterschiedliche Werke und die Geschichte einer Frau, deren Musik lange im Schatten ihrer berühmten Zeitgenossen stand, liefern reichlich Gesprächsstoff.
Werkeinführung Oratorienchor Olten: Dienstag, 20. Oktober, 19 Uhr, Singsaal Hübelischulhaus, Munzingerplatz 10, Olten.
Eintritt frei, anschliessend Apéro.