Rebekka Salm
Ist eine Grösse im hiesigen Literaturbetrieb: Rebekka Salm.

Eine eindringliche Erzählung

Rebekka Salm schreibt über eine kluge Frau aus dem 14. Jahrhundert

Die Wetterhexe Metzina Wächter ist in Olten auch nach über 600 Jahren noch präsent. Nach ihr benannt ist ein Platz unterhalb der Altstadt, Olten Tourismus bietet Metzina-Führungen an. Nun widmet Rebekka Salm in ihrem Buch «Metzina» der als Hexe gebrandmarkten Frau aus dem 14. Jahrhundert eine eindringliche Erzählung.

Sie haben sich in Ihrem neuen Buch «Metzina» einer klugen und widerständigen Frau aus dem 14. Jahrhundert angenommen, die in der historischen Überlieferung als Wetterhexe von Olten bezeichnet wird. Was fasziniert sie an dieser Frau?
Rebekka Salm: Mich fasziniert, dass sie, zumindest in meiner Version, voller Widersprüche ist. Sie ist fürsorglich und ungerecht, lebensklug und manchmal vollkommen verrannt. Sie kann zärtlich sein und ziemlich «grüselig». Und vor allem ist sie sehr wütend. Sie hat wenig Macht, aber einen klugen Kopf und eine grosse Klappe. Metzina macht sich nicht kleiner und gefälliger, damit andere sie besser ertragen können. Das mag ich an ihr.

Für die Recherche sind Sie in die Archive gestiegen. War die Annäherung an Metzina schwierig oder faszinierend?
Beides. Als ich gedanklich ins 14. Jahrhundert eingetaucht bin, war es dort tatsächlich sehr dunkel. Ich wusste zu Beginn fast nichts. Wie sahen die Häuser in Olten aus? Was für Kleider trugen die Menschen? Was assen die einfachen Leute? Zum Glück habe ich drei geschichtskundige Männer gefunden, die mir geholfen haben, Licht ins Dunkel zu bringen, und mich vor so manchem Anachronismus bewahrt haben.

Bei einem historischen Stoff stellt sich die Frage, wie viel Wahrheit und Fiktion in der Erzählung steckt. Anders gefragt: Gabs diese Metzina überhaupt, wurde sie in der Klus geboren und wartete im Turm in Solothurn auf den Scheiterhaufen?
Über die historische Metzina Wächter wissen wir sehr wenig. Die Quellenlage ist dünn. Das gab mir die Freiheit, die Lücken mit Fiktion zu füllen. Dass Metzina in der Klus geboren wurde, ist beispielsweise möglich – der Name Wächter findet sich seit dem 13. Jahrhundert in Kluser Quellen – aber nicht belegt.

Eindrücklich in dieser Erzählung sind die Abschnitte im Turm, wo Metzina bei aller Tragik ins Philosophieren kommt. Diesen Erzählpart haben Sie als Autorin in der Ich-Form gleich selbst übernommen. War es herausfordernd, sich in die Rolle von Metzina hineinzufühlen?
Es wäre vermutlich schwierig gewesen, sich in die Rolle einer Hexe hineinzufühlen. In die Rolle einer Frau Mitte vierzig hingegen, die wütend darüber ist, wie mächtige Männer und reiche Frauen über das Schicksal anderer Menschen bestimmen – und darüber, was als Wahrheit gilt –, konnte ich sehr leicht schlüpfen.

Die Erzählung spielt im finsteren Mittelalter, aber Sie schaffen es, den Bogen in die heutige Zeit zu spannen. Die Mächtigen sind immer noch mächtig und üben über andere Macht aus. Lässt sich die Figur der Metzina ins Heute übertragen?
Metzina war keine Hexe. Sie wurde zu einer gemacht. Solche Zuschreibungen haben nichts an Aktualität verloren. Damals wie heute werden Ängste auf Menschen projiziert und gesellschaftliche Probleme bestimmten Gruppen angelastet. Die Begriffe ändern sich – der Mechanismus aber ist erstaunlich langlebig.

«Metzina» ist nach «Die Dinge beim Namen» und «Wie der Hase läuft» das dritte Buch im Knapp Verlag. Ihr nächster Roman «Winterhart» erscheint bereits Ende Jahr im Ullstein Verlag. Wie fühlt sich der Weg vom kleinen Schweizer Verlag zu einem grossen deutschen Verlag an?
Vor allem bin ich sehr dankbar. Der Knapp Verlag hat mich entdeckt, an mich geglaubt und mir so den Einstieg als Autorin ermöglicht. Dass ich die Chance bekomme, bei Ullstein zu publizieren, freut mich natürlich sehr. Mal schauen, wohin mich dieser Weg führt.

Rebekka Salm: «Metzina». Knapp Verlag, in jeder Buchhandlung erhältlich.
Sie wird am Buchfestival Olten (1.11.) lesen, am 15.11. in der Bibliothek Oensingen und am 29.11. am Adventskonzert der Stadtmusik Olten.

Text: ANZ & Bild: ZVG