Mit spitzer Feder

Stefan Müller-Altermatt

1897 führte eine extreme Dürre zu grosser Missernte in Norditalien. Zur gleichen Zeit hatte die italienische Regierung hohe Importzölle auf billiges Importgetreide aus den USA und Russland erhoben. Und als wäre es nicht genug, brach im April 1898 der Spanisch-Amerikanische Krieg aus, und der Schiffsverkehr über den Atlantik war schwer gestört. Die Brotpreise explodierten: Ein Kilo Brot kostete mehr als das Doppelte des kargen Stundenlohns eines Fabrikarbeiters.

Dürre, Zölle, Krieg, Schiffsblockaden, Inflation. Kommt Ihnen diese Mischung irgendwie bekannt vor? Gut, dann will ich erzählen, wie es damals weiterging:

Am 6. Mai 1898 brachen die «Moti del pane», die Brotunruhen, aus. In Mailand (noch so eine Parallele) errichteten Arbeiter, Sozialisten und Anarchisten Barrikaden und brachten ganze Stadtviertel unter ihre Kontrolle. Die Regierung schoss die Aufständischen mit Artillerie und Kanonen nieder. Historiker schätzen 100 bis 400 Todesopfer. Militärtribunale verurteilten etwa 1500 Menschen zu überharten Strafen. König Umberto I. begrüsste das harte Vorgehen von Militär und Justiz. Er wurde 1900 aus Rache ermordet.

Es gibt auch heute politische Wortführer, die wollen mit Isolation, Härte und Rebellion auf die Herausforderungen der Zeit reagieren. Auch wenn die Geschichte keine Wiederholungstäterin ist: Dass dies dem Frieden und dem Wohlstand dienen wird, ist längst widerlegt.

Der Autor mahnt zu Ruhe und Gelassenheit.