Er ist kreidebleich, als ich ihm zufällig in der Stadt über den Weg laufe. Verzweiflung liegt in seinem Blick. Nein, sagt er, er sei weder krank noch arbeitslos. Die Ehe sei intakt, den Kindern gehe es gut. Trotzdem habe er heute sein halbes Leben verloren. Sein Smartphone sei tot, sämtliche Daten futsch. Tausende Fotos, die gesamten Chatverläufe, alles weg, auf ewig im digitalen Nirwana verschwunden. Es fühle sich an, als hätte man ihn seiner Erinnerungen beraubt. Er komme sich vor wie in einem dieser Filme, in denen Männer in schwarzen Anzügen Augenzeugen von Ufo-Sichtungen mit einem Blitzlichtstift das Gedächtnis löschen. «Da heisst es immer, das Internet vergisst nie, aber auf mich trifft das nicht zu. Alles verloren!», klagt er und trottet von dannen.
Bemerkenswert, wie sich unser Leben gewandelt hat. Gespräche sind Chats gewichen, Emotionen Emojis. Statt im Jetzt zu leben, Momente als flüchtig zu akzeptieren und sie aktiv zu geniessen, versuchen wir sie technisch zu konservieren, um sie später nachzuerleben. Bilder sind nicht mehr subjektive Eindrücke in unseren Köpfen, sondern eine schier unendliche Abfolge von Einsen und Nullen in Datenwolken. Dereinst werden wir unseren Enkelkindern wohl nicht mehr von früher erzählen, wie es unsere Ahnen taten, sondern sie durch unsere Bildergalerien swipen und scrollen lassen.
Schade, denke ich, und tippe eine Notiz an mich selbst ins Handy: heute Abend Backup machen!
