Die neue Präsidentin von insieme Olten heisst Fadime Graf. Die Hägendörferin löst Sandra Näf-Frei ab, die den Verein während zwanzig Jahren geleitet hat. Es gehe darum, den Menschen mit einer Behinderung und ihren Angehörigen eine Stimme zu geben, sagt die ehemalige Präsidentin. «Denn nicht immer ist Inklusion auch drin, wo Inklusion draufsteht.»
Lange sah es nicht so aus, als würde Sandra Näf-Frei Ende April mit einer Nachfolgerin an ihrer Seite die Zeit bei insieme Olten abschliessen können. 21 Jahre war sie im Vorstand, während zweier Jahrzehnte als Präsidentin des Elternvereins. Zurückgetreten wäre sie nach langer, erfolgloser Suche so oder so, wie sie betont. «Umso schöner für mich zu wissen, dass es nun mit viel Power weitergeht», sagt die 62-jährige Oltnerin. Für deren Wirken fand an der Verabschiedung an der Generalversammlung auch Walter Jäggi, ehemaliger Leiter des Heilpädagogischen Schulzentrums (HPSZ) in Olten und langjähriger Weggefährte im Kampf um die Anerkennung behinderter Menschen, nur lobende Worte.
Er habe sich oft gefragt, wie sie all ihre Aufgaben unter einen Hut bringe und habe sie gleichermassen engagiert, bescheiden und kompromissfähig erlebt, sagte Jäggi in seiner Würdigung. Sandra Näf-Frei sei es nie um die eigenen Interessen gegangen, sondern stets um die Vertretung der Interessen für Menschen mit einer Behinderung und deren Familie. «Sandra hat sich eingemischt und vieles bewirkt. Ihr Wort hatte in der Schule, in Stadt und Kanton, aber auch auf schweizerischer Ebene Gewicht.»
Die Themen sind wiederkehrend
Auch ihre präsidiale Nachfolgerin, Fadime Graf aus Hägendorf, findet nur lobende Worte. «Sandra hat in all den Jahren ein wunderbares Fundament geschaffen für alle Angehörigen.» Sie sei von Sandra Anfang Jahr zu einer Vorstandssitzung von insieme eingeladen worden – und habe rasch gewusst: «Hier will ich mich engagieren!» Grafs bald 18-jähriger Sohn im Autismus-Spektrum sieht, hört und fühlt die Welt anders als seine Mitmenschen. Es ist genau diese persönliche Betroffenheit, dieses tiefe Verständnis für die Ängste und Sorgen Angehöriger, welche die Arbeit und den Einsatz für den Verein prägen, erzählen die alte und die neue Präsidentin. Bei Sandra Näf-Frei war das nicht anders: Ihre erwachsene Tochter Deborah hat eine seltene genetische Mutation, das Smith-Magenis-Syndrom (SMS). Seit ihrer Kindheit kommuniziert sie mit elektronischen Hilfsmitteln wie Tablets, auf denen sie Piktogramme, Symbole und Fotos nutzt.
Beide Frauen kennen also aufgrund der eigenen persönlichen Erfahrungen keinerlei Berührungsängste mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Nur zu gut kennen sie auch die stets wiederkehrenden Themen, wie Sandra Näf-Frei erklärt: «Wie sieht die ausserschulische Betreuung aus? Was passiert mit unseren Kindern nach der obligatorischen Schulzeit?» Sie weiss auch: «Inklusion steht immer gross drauf – ist aber nicht immer überall auch drin. Das ist frustrierend!» Genau deshalb braucht es laut ihr Institutionen wie insieme, die dranbleiben und Missstände bekämpfen.
Nur eine Verlagerung der Kosten
Sandra Näf-Frei nennt ein konkretes Beispiel: Als Sparmassnahme stand 2023 die Einstellung der ausserschulischen Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung an den heilpädagogischen Schulzentren im Kanton Solothurn zur Diskussion. Im Kanton habe man von Einsparungen gesprochen. Aktuell steht dieses Thema wieder an. Tatsächlich handle es sich jedoch eher um eine Verlagerung der Kosten an eine andere Stelle, ergänzt Graf. «Wenn Eltern gezwungen sind, aufgrund fehlender Tagesstrukturen ihre Erwerbstätigkeit aufzugeben oder zu reduzieren, ist der Weg zur Sozialhilfe oft nicht weit. Das verursacht ebenfalls erhebliche Kosten.» Aus ihrer Sicht wäre es wünschenswert, Lösungen zu finden, die notwendige Einsparungen nicht einseitig auf dem Rücken der betroffenen Menschen austragen.
Von Seiten insieme habe man damals insistiert, erinnert sich Sandra Näf-Frei, man habe Gespräche mit dem zuständigen Regierungsrat geführt und es habe geheissen, der Kanton setze eine Findungsgruppe ein. Vieles sei diesbezüglich noch heute unklar, die Kommunikaton des Kantons empfinde man bei insieme oft als mangelhaft bis nebulös.
Graf will öffentlich präsenter sein
Das politische Engagement von insieme Olten will Fadime Graf mit unverminderter Beharrlichkeit weiterführen. Sie möchte den Verein zeitgemässer aufstellen, vermehrt in der Öffentlichkeit wahrnehmbar sein, weiterhin auch an Schulen gehen und an Elternabenden dabei sein. «Auch Fachvorträge sind unvermindert ein Thema. insieme Olten will die Elternvertretungen und Familien stärken und aufzeigen, wie sie sich im Formulardschungel zurechtfinden und wo sie rechtliche Beratung und Unterstützung einfordern können.»
Es gehe darum, so Fadime Graf, die Menschen und ihre Angehörigen im Alltag ganz konkret zu unterstützen und sie aus ihrer Isolation zu holen. «Es ist an uns, ihnen eine Stimme zu geben und eine allfällige Scheu beim Thema Behinderung abzubauen.»
insieme Olten: Eine über 60-jährige Geschichte
1963 gründeten engagierte Eltern von Kindern mit einer Behinderung, Fachleute und weitere Interessierte die Vereinigung zur Förderung geistig Invalider in Olten. Von Anfang an befasste man sich mit Fragen der beruflichen Ausbildung, der Eingliederung und der Errichtung einer geschützten Werkstatt. Es wurde eine Stiftung gegründet.
Im Oktober 1968 folgte die Eröffnung der Heilpädagogischen Beratungs- und Behandlungsstelle für behinderte Kleinkinder am Mühletalweg. 1970 wurde an der Engelbergstrasse die Beschäftigungsstätte für Schwerbehinderte untergebracht. Es erfolgte die Erweiterung des Namens auf Vereinigung zur Förderung geistig Invalider und Cerebralgelähmter.
Eine Neuorganisation stand 1972 an: Aus besagter Vereinigung entstand die Elternvereinigung zugunsten geistig Behinderter und Cerebralgelähmter – heute: insieme Olten – und die Stiftung zugunsten geistig Behinderter und Cerebralgelähmter, die heutige Stiftung Arkadis. Ihr wurde die Führung der Einrichtungen wie Wohnheime, Freizeitklub, Beratungs- und Behandlungsstellen übertragen.
1997, anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der Stiftung, erfolgte die Namensänderung in Stiftung Arkadis. Die letzte Namensänderung fand 2016 statt: Seither heisst die Institution «Verein für Angehörige von Menschen mit besonderen Bedürfnissen».
